Gegen den PISA-Trend: Bildungserfolg mit Migrationshintergrund

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Fast jeder Vierte Fünfzehnjährige in der EU hat einen Migrationshintergrund – Tendenz steigend. Die wachsende Diversität der Schülerschaft stellt das Bildungssystem in den Mitgliedsländern der OECD vor Herausforderungen. Ute Hempelmann hat sich auf die Suche nach Lösungsansätzen gemacht und ist im Medienhof Wedding fündig geworden:<
Eine Sonderauswertung der PISA-Studie, die Mitte März in Berlin vorgestellt wurde, belegt: Fast jeder zweite Jugendliche mit Migrationshintergrund erbringt in Deutschland „sehr schwache Schulleistungen“. Mit 43 Prozent ist der Anteil in dieser Gruppe knapp zweieinhalbmal so groß, wie bei Schülerinnen und Schülern ohne Migrationshintergrund. Besonders düster sieht es bei der türkisch-arabischen Schülerschaft in sogenannten Brennpunktkiezen aus. Nur rund 18 Prozent dieser Schülerinnen und Schüler im Wedding machen Abitur, über zwei Drittel bleiben ungelernte Kräfte, häufig nur mit einfachsten oder keinen Bildungsabschlüssen.

Resilienz statt Bildungserfolg?

Die OECD arbeitet in der 300 Seiten starken Sonderauswertung der PISA Studie mit einem Konstrukt. Es heißt „Resilienz“, ein Begriff, der in der Psychologie ursprünglich die Widerstandsfähigkeit gegenüber lebenserschwerenden Umständen bezeichnet. Die OECD definiert den Bildungserwerb quasi negativ, sprich über Hürden, die Schüler überwinden müssen, um erfolgreich zu sein. Dazu zählen: „academic under-performance“ (fehlende Grundkenntnisse), „low satisfaction with life“ (geringe Lebenszufriedenheit), „weak sense of belonging“ (schwaches Zugehörigkeitsgefühl), „poor achievement motivation“ (schwache Antriebskraft), „high schoolwork-related anxiety“ (große Schulangst). Mit diesen Kategorien versuchen die Verfasser das überwiegend raue Bildungsklima für Jugendliche mit Migrationshintergrund in den OECD-Mitgliedstaaten zu spiegeln.

Diese negativen Ausgangsbedingungen, die häufig mehr mit sozialer als mit ethnischer Herkunft zu tun haben, führen tatsächlich bei vielen Schülerinnen und Schülern im Wedding in eine Bildungssackgasse. Ein größeres Lernhindernis ist zudem die sprachlich nicht ausreichende Qualifikation für den deutschen Schulalltag. So scheitern auch lernwillige und eigentlich leistungsfähige Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund an den zu hohen Doppelhürden Fachbildung und Sprachbildung, die sie nicht gleichzeitig überwinden können.
Was lässt sich da tun? Wie können zumindest diese Kinder und Jugendlichen in ihrem Streben, etwas im Leben zu erreichen, besser unterstützt werden? Ein Blick in die Praxis kann darüber Auskunft geben.

Bildungshungrig im Brennpunktkiez

Ein Dienstagnachmittag im Medienhof Wedding in Berlin. In der Fördereinrichtung im „Brennpunktkiez“ treffen sich unter dem Dach der Einrichtung des gemeinnützigen Vereines RAA Berlin wöchentlich rund 80 Jugendliche, vorwiegend mit türkischen oder arabischen Wurzeln. Laut PISA-Auswertung zählen sie rein statistisch zu den Verlierern des Bildungssystems. Ihre Familien leben zu einem hohen Prozentsatz von Sozialhilfe.
Allerdings sind diese Kinder und Jugendliche hoch motiviert. Sie kommen nach der Schule freiwillig in den Medienhof zum Lernen und stemmen sich mit anrührender Entschlossenheit gegen das drohende Schicksal, im Bildungsghetto zu stranden. Vielen gelingt der Aufstieg auch. Dank des Förderunterrichts des Medienhof-Wedding.

Die Bildungs-Sprinter

„SprInt“ – Sprache und Integration heißt das Projekt, das von der Stiftung Mercator, der RAA Berlin e. V. und dem Politikwissenschaftler und Deutschlehrer Herbert Weber vor 13 Jahren ins Leben gerufen wurde. Es liefert lernmotivierten Schülerinnen und Schülern, was sie brauchen: Lehramtsstudierende arbeiten mit ihnen den Stoff in allen Unterrichtsfächern durch – Deutsch, Englisch, Mathe und Co.
Es handelt sich dabei jedoch nicht nur um eine gute Erklärung der fachlichen Inhalte, sondern es wird auch besondere Sorgfalt auf die Vermittlung der Fachsprache gelegt. Geht es zum Beispiel um die Entstehung des Ersten Weltkrieges, müssen Wörter wie „ein Ultimatum stellen“, „ein Attentat begehen“, „die Mobilisierung“ oder „der Thronfolger“ in einer Wortliste erklärt werden, jeweils mit Genus und Plural. Historische Karten und bildliche Darstellungen helfen beim Verständnis der Fachtexte. Ihre Erklärung muss aber mit Redehilfen geübt werden: „Die Front verschiebt sich nach Westen.“ oder „Die Entente ist rot dargestellt.“ Der Medienhof verfolgt einen individuellen Lernansatz, der es jedem Kind ermöglicht, noch einmal nachzufragen, Lernlücken zuzugeben und sie sprachlich und fachlich nachzuarbeiten.
Fragt man die Jugendlichen, was sie dazu treibt, auch noch am Nachmittag zu büffeln, erhält man die immer gleiche Antwort: „In der Schule verstehe ich vieles nicht, aber die Lehrer hier helfen mir sehr. Ich kann sie alles fragen.“ Ohne ausreichende fachliche und sprachliche Kenntnisse können die Schüler dem Unterricht kaum folgen. „Viele Schüler bringen fachliche Begriffe nicht von Haus aus mit, auch nicht in ihrer Muttersprache“, erklärt Projektleiter Herbert Weber. Zu Fachwörtern zählen ihm zufolge in der Grundschule schon Wörter wie  „Huf“, „Heu“, „Birke“ oder „Beute“, weil sie im normalen Alltagsjargon im Wedding nicht vorkommen und über Bücher nicht angeeignet werden. Sätze wie „Der Hahn scharrt im Stroh.“ oder „Der Euter wird gemolken.“ versteht im Wedding auf Anhieb so gut wie kein Viertklässler. Im Unterricht wird das Verständnis für die Bedeutung dieser Sätze aber häufig vorausgesetzt.

Sprache als Schlüsselkompetenz

Der Erfolg von SprInt ist wissenschaftlich bestätigt. Dass Schülern mit Migrationshintergrund ein Zugang zur Fachsprache fehlt, um beispielsweise Mathematikaufgaben verstehen zu können, wird von Bildungsexperten seit Jahren angemahnt. Ist in einer Aufgabe zum Beispiel von der „Neigung einer Rampe“ die Rede, wissen die meisten Schülerinnen und Schüler gar nicht, was „Neigung einer Rampe“ bedeutet, obwohl sie einen Winkel im rechtwinkligen Dreieck problemlos ausrechnen könnten. Sie scheitern deshalb nicht an der Mathematik, sondern in Mathematik an Deutsch.
Dr. Simone Jambor-Fahlen, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Mercator-Institut der Universität Köln, erläutert gegenüber dem Domradio: „Wir plädieren dafür, dass sprachliche Bildung verpflichtender Bestandteil des Lehramtsstudiums für alle Fächer werden muss. Diesen Status haben wir in Deutschland noch nicht.“  Lehrkräfte, die in Fächern wie Chemie, Physik oder Geschichte ausgebildet werden, haben in der Regel keine Kenntnisse von Techniken der Sprachförderung. In Berlin gibt es zwar inzwischen ein Sprachmodul in der Lehramtsausbildung, aber später an der Berliner Schule spielt strukturierte Sprachförderung kaum eine Rolle. Dabei würde gerade individuelle Fachförderung in Kombination mit Sprachförderung die lernmotivierten Kinder weit nach vorne bringen, insbesondere bei den Lese- und Schreibfertigkeiten, die für schulisches Lernen besonders wichtig sind und zuhause meist kaum geübt werden.
Niedrigschwellige Angebote für lernwillige Schülerinnen und Schüler, kombinierte Fach- und Sprachförderung, individuelle Unterstützung, die Raum lässt für Nachfragen und das Nacharbeiten von Grundlagen – das könnten Ansätze sein, die dem negativen Pisa-Trend entgegenwirken und die Bildungschancen sozial schwacher, zugewanderter Gruppen verbessern.
Auch die PISA-Sonderauswertung hat die Sprachbildung der Schüler als Schlüsselkompetenz ausgemacht und fordert ein „targeted language training“. (gezielte Sprachförderung) Weiter heißt es: „Investing in acquiring the host-country language has a positive impact on almost all facets of life.“  (Sich die Sprache des Aufnahmelandes anzueignen hat einen positiven Einfluss auf nahezu jeden Teilbereich des Lebens.) Wie zentral und (über-) lebenswichtig diese Feststellung ist, kann jeder ermessen, dem es die Sprache buchstäblich verschlagen hat, weil er sich in einer anderen als seiner Muttersprache nur beschränkt ausdrücken kann.

Letztendlich entscheidend: Spaß am Lernen und Vorbilder

Wer den Stoff besser versteht und Lernfortschritte macht, bekommt in der Regel auch eine höhere Lernmotivation. Lernen kann tatsächlich Freude machen, auch das vermitteln die Studierenden und die älteren Bildungsvorbilder aus dem Kiez im Medienhof den Kindern. Für Ahmed, der vor zwei Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen ist, ist die Entdeckung, Spaß am Lernen zu haben, und der Glaube, „es schaffen zu können“, von zentraler Bedeutung. Alikan, sein Mentor, ist selbst ein ehemaliger Förderschüler des Medienhof-Wedding mit türkischen Wurzeln und mit einer Menge Zorn auf die Schule: „Ich musste mir alles selbst beibringen, bis ich den Medienhof entdeckt habe.“ Mittlerweile unterrichtet der BWL-Student den unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten, der mit drei Schulwechseln schon auf eine bewegte Bildungskarriere in Deutschland zurückblicken kann. Dank Alikans Förderung – fachlich und emotional – hat sich Ahmed gefangen. Für ihn ist Alikan ein Vorbild, dem er nacheifert. Mit tiefgreifenden Folgen für Ahmeds Lebensplanung. „Eigentlich wäre ich gern Fußballer geworden“, verrät er. „Aber mittlerweile denke ich mir: Lern mal lieber ordentlich. Sicher ist sicher.“
Den Artikel schrieb die Journalistin Ute Hempelmann.  Mit ihrer freundlichen Genehmigung wird er hier veröffentlicht. Redigiert von Mascha Malburg. Alle Rechte liegen bei Sprint (RAA)