Herbert hat einen Aufsatz geschrieben!

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SprInt Leiter Herbert Weber ist nicht nur SprInt-Geschäftsführer, sondern auch Deutschlehrer, Landschaftsgärtner – und Politologe. Als solcher hat Herbert einen Aufsatz über die Frage nach Freiheitsrechten im Wedding geschrieben, nämlich im Sammelband „Kultur der Anerkennung statt Menschenfeindlichkeit“, herausgegeben von Dierk Borstel und Kemal Bozay, beides Politikprofessoren aus Nordrhein-Westfalen. Wie kam‘s dazu?

Herbert erklärt: „Dierk Borstel ist ein alter Freund von mir. Wir haben uns früher gemeinsam im Zentrum  Demokratische Kultur gegen Rechtsextremismus engagiert und Kommunalanalysen gemacht, ich bin dann meinen Weg hier im Wedding gegangen und er ist Professor in Dortmund geworden, eine Stadt, in der es leider ein großes Problem mit Rechtsextremismus gibt. Auf jeden Fall hat er im Rahmen seiner Forschung Beiträge für einen Sammelband gesucht und mich gefragt, ob ich nicht etwas zu Defiziten von Demokratie im Wedding schreiben möchte, also in migrantischen Communities, weil ich die Situation vor Ort etwas kenne. Ich habe zugestimmt, weil ich denke, dass es hier im Wedding ebenfalls demokratiegefährdete Räume und Strukturen gibt, nicht nur an manchen Stellen in Brandenburg, die zum Beispiel von Kameradschaften kulturell und sozial überformt werden. Die haben wir damals bei den Kommunalanalysen gefunden und beschrieben.“

Also ein Text über Rechtsextremismus im Wedding?

„Nein. Die größte Gefahr, die ich hier im Kiez für die Demokratie sehe, ist das Patriarchat, das in vielen eingewanderten Communities gepflegt wird. Muslimische Mädchen leiden hier unter einem gewaltigen Anpassungsdruck: Sie sind nicht frei in ihrer Berufs- oder Partnerwahl, dürfen nicht einfach von zuhause ausziehen und die Welt kennenlernen, sich ausprobieren. Stattdessen bleiben sie im Wedding und müssen viele Erwartungen erfüllen, die traditionelle Familien an sie richten: Kopftuch tragen, Jungfrau bleiben, religiös sein. Diejenigen, die sich an die Regeln halten, werden mit großer Anerkennung belohnt, wer sich aber z. B. in einen Deutschen verliebt, verliert nicht nur die eigene Ehre, sondern verrät auch die der Familie und wird verstoßen. Das ist eindeutig nicht demokratisch.“

Herbert weiß, wovon er redet, konnte er doch die letzten 15 Jahre gewissermaßen Feldstudien betreiben und hat im Medienhof-Wedding dutzende Schülerinnen betreut, sich mit ihnen ausgetauscht, diskutiert – und mitunter auch gestritten, manchmal sogar recht heftig:

„Den Satz, dass die deutschen Frauen Schlampen seien, habe ich schon mal gehört, wegen ihrer angeblichen Freizügigkeit zum Beispiel, und das ärgert mich. Umgekehrt gefällt vielen sehr religiösen Mädchen meine kritische Sicht auf ihre Frauenrolle hier im Wedding nicht.“

Denn tatsächlich fügen sich laut Herberts Erfahrung die meisten Weddinger Mädels den Anforderungen, die an sie gestellt werden. Kein Wunder: Je traditioneller und angepasster sie auftreten und die Erwartungen ihrer Familien erfüllen – Kopftuch , weite Kleider, keinen Badeanzug tragen, kein Photo von sich machen lassen, keinen Freund und keinen Sex vor der Ehe haben, keine individuelle Reise, keinen Wein trinken, eine arrangierte Hochzeit usw. – desto mehr Wertschätzung erfahren sie in ihrer Community, weil sie sich „ehrenhaft“ benehmen. Viele Mädchen müssen zu solchem Verhalten nicht gezwungen werden. Sie sind häufig genau wie ihre Mütter selbst glühende Verfechterinnen dieser Ansichten. Es ist ihre Identität.

„Wer zum Beispiel Kopftuch trägt und Lehramt studiert, würde das Kopftuch wegen des Berufwunsches niemals ausziehen, weil der Glaube über allem steht. Sie tragen es freiwillig und aus religiöser Überzeugung. Wenn das deutsche Gesetz dann sagt, dieses Kopftuch sei in der Schule verboten, empfinden die sehr gläubigen jungen Frauen unsere Demokratie als autoritär, intolerant und unglaubwürdig. Wo soll denn hier die Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit sein? Für sie wird das Kopftuch, das Symbol ihres Glaubens, dann zum Symbol des Widerstandes gegen eine verlogene westliche Gesellschaft. Konservative Mulima sehen sich als Märtyrerinnen für ihre Religion und ihre Glaubensgemeinschaft, als Vorkämpferinnen ihrer Rechte und damit der Emanzipation. Eigentlich paradox und absurd, das Kopftuch als feministisches Befreiungsstatement anzusehen, aber aus ihrer Sicht stimmig.

Wenn ich dann sage, dass das Kopftuch und die Verhüllungsgebote AUCH ein Ausdruck des Patriarchats sind, weil sie nur für Frauen gelten, nur die Frau als sündig angesehen wird und damit ihre Sexualität und schließlich auch sie selbst von den Männern kontrolliert werden, prallt das ab. Ihr Argument ist, dass sie sich selbst zu diesem züchtigen Leben entschieden haben.“

Umgekehrt wird allerdings diejenige, die sich nicht an die Regeln des Weddinger Patriachats hält, verstoßen, stigmatisiert und ausgegrenzt:

„Eine ehemalige Schülerin von uns hat mit neunzehn das Kopftuch ausgezogen und sich für eine westliche Lebensweise entschieden. Daraufhin wurde sie von ihrer Familie massiv kritisiert und bedroht, weil sie diese angeblich entehrt habe. Sie ist daraufhin nach Irland ausgewandert, um diesem Druck zu entkommen.“

Offenes Haar, Fahrradfahren im Sommerkleid, Bikini tragen – für viele Mädchen im Wedding ist dies kaum vorstellbar. Diese Einengung der jungen Frauen stört Herbert. Während des Gesprächs merkt man schnell, dass ihm das Thema ernsthaft am Herzen liegt, denn er wird emotional. Letztes Jahr hat er sogar ein Musical über Heiratsschranken im Wedding geschrieben und mit Jugendlichen eine Romeo-und-Julia-Geschichte aus dem Kiez aufgeführt, die selbst unmittelbar von den Sitten ihrer Familien betroffen sind. „Ich finde diese massive Einschränkung der freien Entfaltung falsch, zumal sie nur Frauen betrifft! Und ich möchte mit SprInt einen Teil dazu beitragen, das Patriachat hier etwas zurückzudrängen.“ Aber wie?

„Es kann nicht darum gehen, jungen, mündigen Frauen das Kopftuch oder andere Traditionen zu verbieten. Das wäre undemokratisch und würde nur zu Trotzreaktionen führen. Vielmehr möchte ich den Mädchen Alternativen anbieten: Sie sollen hier im Medienhof-Wedding mitbekommen, dass es auch eine andere Welt gibt, als die, die sie von zuhause her kennen. Wenn sie sich mit einer studentischen Förderlehrerin unterhalten und hören, dass diese alleine ein Jahr in Australien war, im Schwimmverein Sport treibt oder auch nur mit einem Freund unverheiratet zusammenwohnt, dann bedeutet das vielleicht den ein oder anderen Denkanstoß, was sonst noch alles möglich wäre. Für einen anderen Weg entscheiden können sie sich nur selbst.
Darüber hinaus möchte ich die Jungs miteinbeziehen; denn auch die leiden unter dem Patriarchat. Ihnen wird in der Kindheit oft wenig gutes Benehmen beigebracht, wenig Anstrengungen werden ihnen abverlangt, stattdessen werden sie als Prinzen verwöhnt und zu Aufpassern über ihre Schwestern erzogen. Viele versagen dann in der Schule, wollen sich aber eigentlich stark und männlich fühlen. Die patriarchalische Erziehung und der narzistische Frust über das eigene Scheitern enden häufig in Protzgehabe und Gewalttaten, auch und gerade gegenüber widerborstigen, ablehnenden Frauen. Oder die rohe Männlichkeitserwartung überfordert eher sensiblere Männer.“

Drittens: Herbert möchte seine Kritik am Weddinger Patriarchat nicht als Islamkritik verstanden wissen: „Die Religion ist hier weniger das Problem, sondern vielmehr die kulturelle und gesellschaftliche Interpretation der Religion. Der Islam muss jedenfalls nicht zwangsläufig ein solches Patriarchat vorschreiben, wie es im Wedding praktiziert wird. Es gibt zum Beispiel viele Islaminterpretationen, die keine rigiden Verhüllungsgebote aufstellen oder ganze islamische Gemeinschaften, die den Islam freier und fröhlicher verstehen, wie z. B. die Aleviten. Die traditionelle Religionsauslegung rechtfertigt häufig nur den männlichen Machtanspruch des Patriarchats. Darum geht es den Verfechtern der religiösen Vorschriften im Kern. Ich bin sogar überzeugt davon, dass aus der Angst männliche Privilegien zu verlieren und aus der Lust, als starker Mann über Leben und Tod zu herrschen, mitunter gar islamistischer Terrorismus generiert wird.“

Schließlich – und dieser Punkt liegt Herbert besonders am Herzen, muss immer differenziert werden. „Ich habe hier im Wedding türkisch-arabische Migranten getroffen, die sich weitgehend von engen kulturellen Vorstellungen gelöst haben und sehr liberal sind und ich habe verbohrte Islamisten kennengelernt. Ich bin auf unausstehliche kleine Macho-Kids an den Schulen gestoßen und habe im Medienhof-Wedding mit den fleißigsten und nettesten Jungs zusammengearbeitet. Was man als erstes im Wedding lernt, ist, dass jede pauschale Aussage über Migranten sicher falsch ist. Gerade deshalb sollte aber auch nicht alles in ein buntes Licht getaucht und sollten die Probleme nicht weggeblendet werden.“

Natürlich stellen die Thesen von Herbert für den ein oder anderen eine Provokation dar: Nicht nur für manche Jungs und Mädchen im Medienhof-Wedding, sondern auch für seine Parteikollegen in der SPD, in der Herbert längst als Angehöriger des rechten Parteiflügels á la Buschkowski gilt. Wer gegenüber linken Sozialdemokraten Kritik an Erscheinungsformen der Einwanderung aus patriarchalisch geprägten Ländern übt, sieht sich schnell Rassismusvorwürfen ausgesetzt. Das wäre Islamophobie und Wasser auf die Mühlen der AfD, heißt es dann gelegentlich. „Das ist natürlich Quatsch“, kommentiert Herbert, „denn ich sehe mich genau in der gesellschaftlichen Mitte mit meiner Kritik und nicht rechts, weil ich gegen das Patriarchat argumentiere und mich für Freiheits- und Gleichheitsrechte von Frauen einsetze. Mich wundert vielmehr, dass hier die feministische Linke meiner Partei, die sich sonst über jeden Herrenwitz empört, plötzlich einen blinden Fleck hat. Mit einer differenzierten Position sehe ich mich eher in der pragmatischen Mitte als rechts.  Schließlich lehne ich ja keine Einwanderung ab, sondern unterstütze Einwanderer und Einwanderinnen und möchte gemeinsam mit ihnen Neues bauen. Auch wenn mein Freund Dierk mir gesagt hat, dass es durchaus kritische Stimmen zu meinem Artikel gab. Ich stehe zu meinen Aussagen, auch zu der Forderung, das Kinderkopftuch bis zum 14 Lebensjahr zu verbieten, um die Kinder nicht von klein auf zu manipulieren, und bin gerne bereit, darüber zu diskutieren.“

Einen Ort der Begegnung schaffen für unterschiedliche soziale und kulturelle Hintergründe und Meinungen ist übrigens von jeher ein zentrales Anliegen von SprInt. „Wäre nicht Corona gewesen, diesen Dezember hätte es zum Thema ‚Frauen im Islam‘ eine Podiumsdiskussion gegeben, mitorganisiert von den streng gläubigen jungen Frauen aus dem Medienhof-Wedding. Schade, dass das vorerst ausfallen musste.“

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, der liest am besten den Aufsatz von Herbert, auch wenn er dreißig Seiten lang ist. Und wer danach neugierig geworden ist und diskutieren möchte, der ist herzlich auf ein Gespräch in den Medienhof-Wedding eingeladen.

 

 

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Der Artikel stammt von Matthias Stoecker, Blogredakteur SprInt, und Herbert Weber, Leiter SprInt.

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