Wege aus dem Bildungsdesaster – Dialogforum bei SprInt

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Kinder und Jugendliche aus dem Wedding haben es doppelt schwer. Sie stammen oftmals aus migrantischen Familien, die nur über wenig Geld und Bildung verfügen – zuhause können die Kids aus dem Kiez also nur bedingt Hilfe erwarten; in der Schule kommen sie kaum mit, weil es ihnen an Weltwissen und Sprachkenntnissen fehlt. Dabei sind viele von ihnen fleißig und talentiert und würden gerne gute Noten schreiben und eine berufliche Perspektive haben.

Corona hat diesen Bildungsrückstand noch einmal vergrößert: Was an Lernstoff und Bildung durch Homeschooling, Schulschließungen und digitalem Fernunterricht auf der Strecke geblieben ist, wird sich nur schwerlich wieder aufholen lassen. Wir haben leider vermehrt feststellen müssen, dass das ohnehin schlechte Niveau hier im Kiez noch weiter gesunken ist. Kürzlich kamen zwei Mädchen aus einem rein türkischsprachigen Haushalt zu uns. Obwohl sie in Deutschland geboren sind und hier zur Schule gehen, konnten sie im 2. und 3. Schuljahr noch nicht lesen und schreiben, weil defacto der Unterricht an ihrer Grundschule die letzten eineinhalb Jahre ausfiel. Schlimmer noch: Da sie offenbar in dieser Zeit auch kein Deutsch hörten, konnten sie kaum Deutsch sprechen. Das ist für unser Bildungssystem schon so etwas wie ein Offenbarungseid.

Wir wollen aber nicht nur über die Bildungskatastrophe im Wedding klagen, sondern etwas gegen diese Zustände tun. So hat SprInt während der Pandemie nicht nur mit Heimunterricht für Grundschüler, Nachhilfe und Prüfungsvorbereitungen per WhatsApp/Email/Telefon Bildungsfeuerwehr gespielt, sondern vor einer Woche auch ein Dialogforum zum Thema „Was lässt sich an der Bildungssituation im Wedding verbessern?“ veranstaltet. Warum? Um Lösungen zu finden, wie sich ein sozialeres, gerechteres und primär besseres Bildungswesen hier gestalten ließe.

Eingeladen hatten wir hierfür Anna Kryszan (FDP), Dr. Maja Lasić (SPD), Stefanie Remlinger (Grüne), Dr. Ottilie Klein (CDU) und Regina Kittler (Linke) aus der Berliner Bildungspolitik, aber auch Lehrer, Eltern, Spender, Freunde, Schüler und Sozialarbeiter aus dem Kiez; sogar ein Sprachwissenschaftler, Prof. Dr. Ehlich, war vor Ort und hat mitdiskutiert. Schließlich hat sich SprInt von Anfang an nicht bloß als Hausaufgabenhilfe verstanden, sondern als ein Ort der Begegnung. Verschiedene Schichten, Ethnien, Sprachen arbeiten im Medienhof-Wedding miteinander, büffeln Mathe und pauken Spanisch, spielen Theater oder machen Computerkurse und lernen sich besser kennen. Aus diesem Grunde wollten wir auch bei der Veranstaltung möglichst alle Teilnehmer zu Worte kommen lassen. Also haben wir uns für Tischdiskussionen entschieden: Zuerst gaben die Politikerinnen ihre Eingangsstatements ab und setzten sich anschließend an die einzelnen Tische, die jeweils ihren eigenen Moderator und ihre eigenen Diskutanten hatten. „Dort konnte sich jeder einbringen und mit den anderen austauschen“ erzählt SprInt-Leiter Herbert Weber.

Der Andrang war groß: Mehr als 60 Teilnehmer konnten wir verzeichnen. Die Stimmung war trotz des Regenwetters ausgesprochen gut und es wurde angeregt diskutiert. Bereits in den Eingangsstatements der Politikerinnen zeichneten sich die jeweiligen Linien zwischen den unterschiedlichen Positionen ab: Skizzierte Frau Remlinger von den Grünen noch eine „diskriminierungsfreie Schule“ und Unterricht für Migranten in ihren Familiensprachen und forderte mehr monetäre Zuwendung für Schulen und Bildungseinrichtungen, hielt Frau Dr. Klein von der CDU dagegen und befürwortete, Deutsch als Unterrichtssprache beizubehalten – und mehr Geld für Schulen sei auch keine Lösung: „Mit der Gießkanne werden wir keine Probleme lösen“ konstatierte sie. Frau Kryszan von der FDP betonte in ihrem Statement den Aspekt der Bildungsgerechtigkeit, nämlich dass jeder, der wolle, den Aufstieg schaffen können müsse: „Wir müssen den Kindern im Wedding zeigen, dass wir an sie glauben.“ Mehr oder weniger einig waren sich die Politiker hingegen bei den Themen Digitalisierung der Schulen, bei der frühkindlichen Sprachförderung, einer Behebung des Lehrermangels und in einer Reform des Lehramtsstudiums – mehr Praxisbezug sei hier nötig. Dann könne den Kindern in schwierigeren Gegenden besser geholfen werden: mit sog. Brennpunktschulen wollte sich keiner der anwesenden Diskutanten zufriedengeben. Auch Fr. Dr. Lasić von der SPD wandte ein, dass sich die Dinge im Schulwesen grundlegend ändern müssten: Als ehemalige Lehrerin mit bosnischem Migrationshintergrund nannte sie hierfür den Rassismus, der immer noch an den Schulen herrsche und dringend bekämpft werden müsse. Auch die Schulstruktur bedürfe einer Reform und forderte mehr Gemeinschaftsschulen, mehr Durchmischung und gleichwertigere Bildung.

Leider nicht an der Diskussion teilnehmen konnten Vertreter der JaBe-Stiftung, die sich ebenfalls für benachteiligte Kinder und Jugendliche einsetzt und sich Chancengleichheit zum Ziel macht. Allerdings teilte uns Projektleiterin Leonie Müller in einem Statement mit, wie wichtig sie und die JaBe-Stiftung das Thema unserer Veranstaltung halten: „Leider können wir an dieser spannenden Diskussionsveranstaltung aufgrund der Entfernung nicht persönlich teilnehmen, begrüßen jedoch, dass wir als langjähriger Partner von SprInt ein Statement machen dürfen, da es uns als Stiftung im Kinder – und Jugendbereich mit unterschiedlichsten Projekten interessanter Weise regelmäßig begegnet. Dieses Thema ist in unseren Augen gerade überall in Deutschland sichtbarer denn je.“ Gründe hierfür sieht die Stiftung darin, dass immer mehr Jugendliche aus dem klassischen System der Schule herausfallen, weil Probleme in den Elternhäusern herrschen, aber auch der Frust der Schüler, die dem Unterricht nicht mehr folgen könnten, schlechte Noten schreiben und dann sitzen bleiben, dabei auf Sprachbarrieren prallen, von Lehrern stigmatisiert werden und in zu großen Klassen von zu wenig Lehrern oder ansprechbaren Hilfskräften unterrichtet werden:

„Hört man Sozialarbeitern, Streetworkern, Jugendzentrumsleitern, Trainern, Therapeuten und vielen anderen zu, kommt man immer auch auf das Thema Schule. Eine Grundproblematik sticht immer öfters hervor: es gibt eine gewaltige Menge an jungen Menschen, die „durch das Raster fallen“ und danach dann erstmal im Stillstand ankommen, aufgeben, in Planlosigkeit versinken, auf die schiefe Bahn geraten. Manche jobben dann noch in bestimmten Branchen, aber der Bezug zu Schule, Bildung, alternativen Lernangeboten geht verloren und damit auch vertane Chancen, Potentiale für die Arbeitswelt und Gesellschaft von morgen und Vertrauen in die Gesellschaft.

Da die Schule die erste Prüfung im Leben ist, die den Weg für die weitere Zukunft ebnet und Kinder doch angeblich unsere Zukunft sind, dann muss man sich doch irgendwann einmal fragen, warum man an einem System festhält, was viele Verlierer produziert. Marode Schulgebäude, ungleiche Ausstattungen, Lehrer- und Sozialarbeitermangel, fehlende Evaluationen, unzureichende Lehrerfortbildungen, aber auch fehlende Kooperationsmöglichkeiten zwischen gemeinnützigen Trägern als Ergänzung tun ihr Übriges. Da könnte vieles besser und mehr ineinandergreifen, was oft durch die Vorgaben der Länder mit ihren jeweiligen Gesetzen und unterschiedlichen Budgets gar nicht möglich ist oder nur teilweise angenommen wird.“ schreibt die JaBe-Stiftung an uns – konstruktive Gedanken, die auch an den Tischen diskutiert wurden, an die sich nach den Eingangsstatements gesetzt wurde.

Ute, zeitweilige Förderlehrerin bei SprInt, moderierte den Tisch, an dem Regina Kittler von den Linken saß: „Wir waren eine tolle Runde, bunt gemischt aus Schülerinnen und Schülern, Lehramtsstudierenden, einem Erzieher, einer Schulleiterin, einer Grundschullehrerin. Die Diskussion verlief sehr produktiv und Regine Kittler hat sich alles sehr aufmerksam angehört, aber auch eigene Standpunkte vorgestellt, die man aus der linken Bildungspolitik kennt, wie beispielsweise das produktive Lernen. Das fand ich spannend“ erzählt Ute von ihren Erlebnissen. Ähnlich angetan ist Ayla, die mit am Tisch von Ute und Frau Kittler saß: „Es war toll, wie Frau Kittler auf Augenhöhe mit uns diskutiert hat.“ An den anderen Tischen diskutierten die Politikerinnen ebenfalls mit vielen Schülern, Lehrern, Eltern sowie Vereins- und Verwaltungsvertretern aus dem Kiez. Eine Stunde lang war nur das angeregte Brummen der intensiven Gespräche zu hören.

Nach der Diskussion stellten die Moderatoren ihre Ergebnisse vor. An einer Pinnwand zeichneten sie den Plan für eine bessere Bildung im Kiez auf. Im Vordergrund stand bei vielen, die Lernmotivation von Kindern und Jugendlichen mit zielgruppenspezifischeren Angeboten zu stärken. Andere Vorschläge waren: mehr Zeit für reinen Unterricht durch Ganztagsschulen, weniger Stundenausfall und weniger Bürokratie für Lehrer, andere Prüfungsformen wie Hausarbeiten oder Gruppenprüfungen, besseres Internet, bessere Aus- und Fortbildungen für Lehrer, mehr Kooperation mit außerschulischen Einrichtungen, mehr Schulautonomie, mehrsprachige Schulen, Sprachförderung, Frühkindliche Bildung, mehr Kitaplätze… Der offizielle Teil der Veranstaltung war nach zwei Stunden mit guten Ergebnissen beendet.

Glücklicherweise gab es nach der Diskussion für den Kopf auch etwas für den Bauch: ein paar Mütter aus dem Kiez hatten ein arabisches Buffet vorbereitet: Couscous, Falafel, Hähnchenspieße tischten sie unter anderem auf. Als alle sich die leckeren Speisen auf den Teller luden, hörte es auf zu regnen. Ein Omen? Vielleicht. Andererseits bemerkte eine der anwesenden Kiezmütter treffend: „Wir haben viel über mögliche Lösungen geredet. Aber ob sie auch in die Tat umgesetzt werden? Ich weiß es nicht.“ Wir von SprInt meinen zumindest: ein Anfang ist gemacht und glauben, dass solche Veranstaltungen wirklich etwas verändern können: Die ehemalige Lehrerin Dr. Maya Lasić von der SPD zum Beispiel hat noch lange weiter mit unseren Lehramtsstudenten diskutiert – auch nach Ende der Veranstaltung. Trotz aller Probleme sind wir optimistisch, dass die Politiker und Politikerinnen einiges aus dem dritten Hinterhof im Wedding ins Abgeordentenhaus mitgenommen haben.

 

 

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Der Artikel stammt von Matthias Stoecker, Blogredakteur SprInt.

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