„Die Wedding-Story“ – Ein Jugend-Musical aus dem Wedding zum Thema Heiratsschranken

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Wir bringen den Wedding auf die Bühne!

Es wird viel über junge Migranten gesprochen, jetzt sprechen sie selbst! Und erzählen ihre ganz eigene „Wedding-Story“. Gleich im doppelten Sinne, denn Lukas und Melek verlieben sich ineinander, doch ihre Liebe steht unter keinem guten Stern, denn ihre Eltern sind mit ihrer Beziehung nicht einverstanden. Wird am Ende die Liebe siegen? Um diese Frage zu beantworten singen, tanzen und schauspielern die Jugendlichen aus dem Weddinger Kiez und bringen ein Stück auf die Bühne, das ein jeder sehen sollte, der mehr darüber erfahren möchte, wie das Leben und Lieben im Wedding in Wahrheit aussieht.

 

Heiraten im Wedding.

„Ich bin Kurdin. Niemals dürfte ich einen Deutschen heiraten“, sagte vor zwei Tagen noch ein sechzehnjähriges Mädchen zu mir, als während der Nachhilfe zufällig das Gespräch aufs Thema „Identitäten“ fiel. Meine Einwände, dass sie in Berlin geboren sei, Deutsch wie ihre Muttersprache spreche und den deutschen Paß habe, ließ sie nicht gelten. Sie könne das nicht selbst entscheiden, meinte sie, ich würde das nicht verstehen. Wenn sie nicht mit ihrer Familie brechen wolle, könne sie nur einen Kurden heiraten. Wirklich glücklich erschien sie mir damit nicht.

Sie ist nicht die erste, die so spricht. Eigentlich höre ich von fast allen jungen Frauen mit Migrationshintergrund, dass sie nicht die Freiheit haben, selbst ihren Partner wählen zu dürfen. Eine Türkin heiratet einen Türken, eine Araberin einen Araber, das ist gesetzt. Gerade Mädchen werden andere Optionen von der Familie oder dem sozialen Umfeld häufig nicht gelassen, auch in der dritten Generation nicht. Rund 90 Prozent heiraten deshalb in ihrer eigenen Migrantencommunity, nicht selten sogar ihren Cousin. Warum ist das so in einer Einwanderungsgesellschaft? Hängt das vielleicht auch mit dem Rassismus der Deutschen zusammen, die sich selbst gegenüber den Einwanderergruppen abgrenzen? Die andere Kulturen nicht wirklich akzeptieren? Hat es vielleicht mit der starken Entmischung in Berlin zu tun, wo die Viertel entweder deutsch oder orientalisch sind? Oder liegt es doch an einem sehr starken Rückbezug der Zuwander*innen auf ihre Herkunftsidentität, die sie auf keinen Fall aufgeben wollen?

Ohne Zweifel ein relevantes Thema, das im Kern das Zusammenleben der unterschiedlichen Gruppen in Deutschland in der Gegenwart und in der Zukunft betrifft. Man kann es akademisch aufbereiten und reflektieren. Damit erreicht man aber Jugendliche, die es am meisten angeht, eher nicht. Wenn wir es mit den Jugendlichen zusammen aufarbeiten wollen, bieten sich andere Bearbeitungsformen an. Zum Beispiel das Theater. Hier können in Rollenspielen und Improvisationen unterschiedliche Positionen verschiedener Figuren gefunden und eigene Erfahrungen kreativ verarbeitet werden. Differenziert können unterschiedliche Einstellungen und Konflikte auf die Bühne gebracht werden. In einer gemischten Theatergruppe, in der türkisch- und deutschstämmige Jugendliche vertreten sind, gibt es natürlich bald Diskussionen und eine Auseinandersetzung mit dem Thema. Wenn das Stück von ihnen selbst weiterentwickelt wird, wird es authentisch. Stimmungen können in Liedern und Tänzen ausgedrückt werden. Mit diesen Ausdrucksmitteln begreift das Publikum viel besser die emotionale Dimension der Problematik Heiratsschranke/Beziehungsschranke.

Deshalb haben der Medienhof und das Theater 28 e. V., unser Kooperationspartner, sich dafür entschieden, darüber ein Musical aufzuführen. Die Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft können  im Theater im wahrsten Sinne mitreden.

Eine Auseinandersetzung zwischen zwei unversöhnlichen Gruppen? Eine Liebe, die diese Kluft überbrückt, aber von keiner Seite akzeptiert wird? Ein Theaterstück oder Musical zu einer verbotenen Liebe? Das kommt doch jedem sehr bekannt vor, oder? Genau, wir wollen eine Romeo- und Julia-Geschichte in den Wedding versetzen. Die Protagonisten heißen nun Lukas und Melek, die Auseinandersetzung findet nicht zwischen den Capulets und den Montagues, sondern zwischen einer Weddinger und einer Pankower Street-Dance-Group statt.

Das erinnert natürlich auch an die West-Side-Story, die ebenfalls die Romeo-und-Julia Geschichte in die Hinterhoflandschaft eines armen Großstadtviertels überträgt. Unser ursprünglicher Plan war dementsprechend auch, eine aktualisierte Form der West-Side-Story zu spielen, mit umgedichteten Liedern und Dialogen. Leider verbot uns die renommierte Anwaltskanzlei Hertin mit einem Abmahnungsschreiben vom Kurfürstendamm auch nur das Wort West-Side-Story in den Mund zu nehmen. Wir bekamen nicht die Rechte zu einer einzigen Tonfolge des bekannten Musicals. Uns ist nicht bekannt, ob der Komponist der West-Side-Story, Leonard Bernstein, sich darüber freuen würde, dass begeisterte Jugendliche, die eine eigene Version seines Stückes heute zum gemeinnützigen Zweck auf die Bühne bringen wollen, kostenpflichtig abgemahnt werden. Aber natürlich fügten wir uns der Anordnung. Sie hatte sogar etwas Gutes, weil wir nun ein komplett eigenständiges Stück mit eigenen Dialogen, Songtexten und eigener Musik entwickeln mussten. So konnten wir ein tatsächlich originäres Werk schaffen.

Ich selbst schrieb die Vorlage, die vielfachen Veränderungen im Arbeitsprozess unterliegt. Der Musiker Bijan Azadian komponierte die Musik und dichtete die meisten Liedtexte neu. Die Choreographie liegt in der Hand der vor Tanzbegeisterung sprühenden Luiza Weiss. Die wunderbar einfühlsame Theaterpädagogin Fatos Uysal übernahm die Regie, die künstlerische Oberleitung hat der Leiter des Theater 28 und des Vereins interkulturell aktiv e. V., Ufuk Güldü. Unsere Kooperation ist also multikulturell, die Leitungsgruppe und die Theatergruppe sind multikulturell und das Thema des Stückes ist ein multikulturelles.

Am 15. Juni, 19.00 Uhr, wird es also auf jeden Fall eine bunte, multikulturelle Aufführung geben, die allerdings Konflikte, die sich aus dem interkulturellen Austausch im Wedding ergeben, nicht verschweigt, sondern explizit thematisiert.

Wir hoffen, dass viele Freund*innen und Förder*innen des Medienhofes und des Förderunterrichts-Sprint bei der Premiere dabei sein werden. Tickets für den 15.6 reservieren: https://www.eventbrite.de/e/die-wedding-story-ein-jugend-musical-aus-dem-wedding-tickets-62139069630

Tickets für den 16.6 reservieren: https://www.eventbrite.de/e/die-wedding-story-ein-jugend-musical-aus-dem-wedding-tickets-62306115268

 

Der Artikel stammt von Herbert Weber, dem Leiter des Medienhof-Wedding. Herbert Weber ist gelernter Landschaftsgärtner und studierte später Politikwissenschaft, Geographie und Deutsch auf Lehramt und Magister. Nach einer Zeit als Deutschlehrer und Redakteur gründete er 2005 die Sprach- und Bildungsförderung SprInt.