„Die Nachhilfe ist mein zweites Zuhause“

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Hinter den SchülerInnen, die jeden Tag zum Medienhof kommen, stecken spannende Geschichten: Erzählungen von Flucht und Migration, dem Fremdsein und der Identitätssuche. Erfolgsgeschichten und solche vom Scheitern. Geschichten von großen Träumen und kleinen Chancen. Jeden Monat wollen wir Euch eine Geschichte erzählen.

Im Januar hört ihr Riemas Geschichte. Ihre Eltern sind aus den palästinensischen Gebieten direkt in den Wedding gezogen, wo sie bis heute gerne lebt. Trotzdem hat Riema sich entschieden, auf eine Schule in Charlottenburg zu wechseln. Im Interview erzählt sie von zwei unterschiedlichen Welten, dem Stress vor dem Abitur und was sie trotzdem motiviert.


Also ich bin die Riema, bin 18 Jahre alt, gehe auf das Anna-Freud-OSZ in Charlottenburg und bin in der 13. Klasse.

Erzähl mir mal ein bisschen von deinem Bildungsweg…
Ich bin schon seit der Grundschule im Medienhof. Dann bin ich in der siebten Klasse auf eine Sekundarschule gewechselt. Ich merke jetzt erst, dass meine alte Schule in der Pankstraße nicht so eine gute Umgebung für mich war. Abgesehen davon, wie die Noten waren. Meine Sprache hat sich dort verändert. Ende der zehnten Klasse wurde es langsam ernst und ich habe gemerkt: So geht es nicht weiter im Leben. Ich weiß immer noch nicht, was ich werden will. Es muss mal Klick machen. Das Verhalten der Schüler, der Umgang und die Beleidigungen waren schlimm. Die Lehrer haben sich sogar mit den Schülern gehauen. Wenn ich heute an der Schule vorbeifahre, bin ich froh, gewechselt zu haben.

Ich wollte Psychologie studieren, also habe ich eine Schule gewählt, wo ich Psychologie als Leistungskurs hatte. Aber ich habe auch bewusst eine Schule gewählt, wo ein paar mehr Deutsche sind. Es ist sprachlich ein krasser Vergleich zu der letzten Schule: Die ganzen Fachwörter und der bessere Wortschatz. Das war anstrengend anfangs.

Und wie ist es jetzt auf deiner neuen Schule?
Bei der Einschulung dachte ich mir nur so: Wo bin ich hier gelandet? Ich war kurz davor die Schule zu wechseln. In meiner alten Schule hatten wir nur eine Deutsche in der Klasse. Und das ist schon ein komisches Gefühl, plötzlich eine der einzigen Ausländerinnen zu sein. Ich hatte sehr viele Kopfschmerzen. Das war die schlimmste Zeit. Aber jetzt geht’s wieder. Ich verstehe mich gut mit den Lehrern und Mitschülern.

Mein größtes Problem ist, dass ich  die Sachen ja verstehe, aber sie nicht wissenschaftlich oder mit Fachwörtern wiedergeben kann. In Psychologie und Biologie, meinen Leistungskursen, braucht man so viele Fachwörter.
Es ist sehr anstrengend für mich. Heute war meine letzte Klausur, aber trotzdem habe ich Druck. Ich mache mir sehr viele Gedanken: Wie soll ich acht Semester in meinen Kopf reinbekommen? Wie soll ich die Abiturklausuren schreiben? Wie wird mein NC sein? Wird es reichen? Diese Dinge spucken in meinem Kopf rum.

Wie sieht deine Zukunft aus?
Ich möchte jetzt gerne Lehrerin werden, oder Eventmanagement studieren. Etwas mehr aber  Lehramt. Mir fällt es schwer nach 13 Jahren Schule mich komplett davon zu trennen. Und ich möchte den Schülern helfen, ich weiß ja, wie sie sich fühlen.

Welche Rolle spielt der SprInt-Förderunterricht im Medienhof in deinem Leben?
Ich bin schon in der fünften Klasse hierhin gekommen. Ich muss ehrlich sagen, der Medienhof ist mein zweites Zuhause. Durch den Medienhof habe ich meinen Hauptabschluss bestanden, dann das MSA und schließlich das Abitur. Man merkt auch, dass man sich selbst entwickelt hat. Ich wollte nie die Aufgaben selbst machen und jetzt habe ich gelernt, selbständig zu arbeiten. Hier ist man befreundet mit dem Lehrer. Man kann offen sein, man kann fragen was man will und hat nicht den Druck, es sofort verstehen zu müssen. Manchmal komme ich auch in den Medienhof, wenn ich gar keine Hausaufgaben habe.

Wie sieht dein Leben außerhalb der Schule aus?
Ich wohne mit meinen Eltern, meinen zwei älteren Geschwistern und meinem jüngeren Bruder im Wedding. Wedding ist ein cooler Bezirk, aber für Kinder ist es nicht gut. Vielleicht würde ich mit meiner Familie woanders hinziehen. Aber wir können dann ja einen Ausflug nach Wedding machen (lacht). Aber ich möchte in Berlin bleiben.
Ich gehe regelmäßig in die Moschee, versuche mich mit Freunden zu treffen und arbeite bei McPaper als Verkäuferin in den Ferien. Meine Freunde sind Multikulti. Von allem etwas.

Kannst du mir ein bisschen mehr über deine Familie erzählen?
Meine Mutter hat als Erzieherin gearbeitet und ist jetzt wieder im Deutschkurs und mein Papa ist gelernter Schmied, hat aber einen Pflanzenladen. Sie kommen beide aus Palästina und ein Teil meiner Familie wohnt auch noch in Gaza. Meine älteren Geschwister haben Abitur gemacht und mein kleiner Bruder ist auch schon in der Oberstufe. Meiner Mutter ist es wichtig, dass ich selbstständig werde im Leben. Ich soll etwas sicheres in der Tasche haben. Ihr ist es wichtig, dass ich das Abitur schaffe. Danach soll ich entscheiden, was ich machen will.

Eure Familie hat ja einen ziemlichen Bildungsaufstieg hingelegt. Warum hat das bei euch funktioniert?
Bei anderen Familien ist das Problem, dass es den Eltern egal ist. Die Kinder haben sich aufgegeben. Die Eltern sollen nicht streng sein. Meine Eltern sind bei vielen Fragen entspannt, aber sie motivieren mich.
Meine Mama erzählt mir immer, dass sie auch in die Schule gehen wollte, aber wegen des Bürgerkrieges konnte sie nur die Grundschule besuchen. Deshalb denke ich mir immer hey, es geht nicht die Welt unter, wenn du ein bisschen lernst.
Wenn ich aus Palästina zurück nach Deutschland komme, bin ich schon froh. Man merkt schon einen krassen Unterschied, wie dort das Leben ist und wie es hier ist. Die Kinder dort haben fast gar nichts und sind trotzdem glücklich. Bei meinem ersten Besuch in Gaza habe ich schon viel gemeckert, zum Beispiel, wenn der Strom ausgefallen ist. Heute versuche ich dankbar zu sein.

Hast du in Deutschland schon Diskriminierung erlebt?
In manchen Bezirken merke ich ein paar Blicke und Gerüchte. Aber ich fühle mich Deutsch. Denken die anderen Menschen auch, dass du deutsch bist? Nee! (lacht) Die denken: Araberin halt. Das ist ein Ausländer, gut ist. Selbst wenn du denen deinen deutschen Pass zeigst, wirst du nicht anerkannt.
In Leipzig ist mal ein Mädchen zu uns gekommen und hat gesagt: „Raus aus unserem Land!“ Ich dachte sowas gibt es gar nicht mehr. Es gibt ein paar Orte, wo man sich wohl fühlt, aber andere eben nicht.

Riema, möchtest du zum Schluss noch etwas sagen?
Es gibt einige Menschen draußen, die einen immer abstempeln. Das finde ich schade. Ich frage mich: Wann endet das einfach? Wieso interessiert euch das so krass, wie ein anderer lebt? Dann fragen die mich: Riema, hasst du Schwule? Wo ich mich dann frage, was denken die über mich? Mir ist das doch egal. Solange mir jemand nichts antut, habe ich doch nichts gegen die. Ich habe keine Lust mehr auf diese Vorurteile.

Das Interview führte Mascha Malburg im Auftrag von Sprint im Dezember 2017 im Standort Medienhof.