Wahlkampf im Hinterhof:

Politische Diskussion im Medienhof Wedding

Berlin-Wedding, 25. September 2026 – von Malin Kraus

Diskussion Start, CR Malin Kraus

Start der Diskussion im Medienhof mit den Kandidat*innen, CR: Malin Kraus

Kurz vor der Abgeordnetenhauswahl lud der Medienhof Wedding Kandidatinnen und Kandidaten aus dem Wahlkreis in den Hinterhof der Prinzenallee ein. Mit Positionslinie, Schnellantwortrunden und Fragetischen wurde aus dem Wahlkampf ein Gespräch auf Augenhöhe, für viele im Publikum das erste direkte Gespräch mit Politikerinnen und Politikern überhaupt.

Mitte hat gewählt, und zwar mit einer so hohen Wahlbeteiligung wie lange nicht. Bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 gaben im Bezirk nach vorläufigem Ergebnis 71,5 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab, 12,6 Prozentpunkte mehr als 2023. Das ist umso bemerkenswerter, weil der Wahltag in Mitte zögerlich begann: Zur Mittagszeit meldete die Landeswahlleitung für Mitte mit 24,8 Prozent die niedrigste Beteiligung aller Berliner Bezirke. Am Abend stand dann ein Ergebnis, das zeigt, wie viele Menschen sich doch noch auf den Weg gemacht hatten.

Wie eine solche Mobilisierung entsteht, lässt sich nicht an einer einzelnen Veranstaltung festmachen. Aber sie hat mit Orten zu tun, an denen Politik greifbar wird. Im Wedding gab es in den Wochen vor der Wahl mehrere Diskussionsabende mit Kandidierenden. Einer davon richtete sich gezielt an die Nachbarschaft rund um den Medienhof: an Menschen, die hier leben, lernen und arbeiten, und von denen viele zum ersten Mal einer Politikerin oder einem Politiker direkt gegenübersaßen.

Ein Abend im Hinterhof

Am 9. September kamen im dritten Hinterhof der Prinzenallee 25/26 Schüler*innen, Bewohner*innen des Bezirks, Teilnehmende von SprInt sowie weitere Interessierte mit Kandidatinnen und Kandidaten aus dem Wahlkreis ins Gespräch. Auf dem politischen Podium zur Wahl ins Abgeordnetenhaus saßen Martha Kleedörfer (Die Linke), Susanne Fischer (SPD), Faruk Čeliković (BSW), Tuba Bozkurt (Grüne) und Michael Kühl (CDU). Im Mittelpunkt sollte die Frage stehen, wie die Parteien Bildung in einem armutsbetroffenen Migrationskiez gestalten wollen. Darüber hinaus war Raum für alles, was das Publikum bewegte.

Klare Regeln, knappe Zeit

Zu Beginn stellten die beiden Moderatorinnen aus dem SprInt-Team die Spielregeln vor. Die erste betraf den Umgang miteinander: respektvoll sprechen und einander ausreden lassen. Die zweite betraf die Zeit. Für jede Antwort stand genau eine Minute zur Verfügung. Darüber wachte eine Schülerin, die bei Überschreitung unerbittlich das Signal, einen lauten, durchdringenden Gong, gab. Außerdem lagen auf allen Plätzen zwei Karten bereit, eine grüne und eine rote. Mit Grün konnte das Publikum Zustimmung zeigen, mit Rot Ablehnung. So war die Stimmung im Raum den ganzen Abend über sichtbar, und nicht nur die Kandidierenden hatten etwas zu sagen.

Auf einer Linie?

Im ersten Teil kam eine Positionslinie zum Einsatz. Zu jeder Frage stellten sich die Kandidierenden im Raum auf, je nachdem, wie sehr sie der Frage zustimmten oder sie ablehnten, und begründeten anschließend ihre Position.

Zur ersten Frage, ob alle Menschen in Berlin unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus Zugang zu Deutschkursen erhalten sollten, fielen die Antworten überwiegend zustimmend aus. Bildung müsse unabhängig von Herkunft und Status zugänglich sein, hieß es, und Sprache sei die Grundlage für Verständigung, Anschluss und Arbeit, darin waren sich alle einig. Tuba Bozkurt (GRÜNE) verband den Zugang zu Sprachkursen mit der Forderung, dass Menschen unabhängig von ihrem Status auch arbeiten dürfen. Teilhabe, so der Tenor, umfasse Rechte und Pflichten gleichermaßen.

Die zweite Frage führte zu einer ausführlichen Diskussion: Sollen Lager obdachloser Menschen im öffentlichen Raum konsequenter unterbunden werden? Mehrere Kandidierende sprachen sich dagegen aus, Menschen auf der Straße sich selbst zu überlassen, ebenso gegen Räumungen, die Menschen lediglich verdrängen. Martha Kleedörfer (LINKE) berichtete von Gesprächen mit Sozialarbeitenden von Fixpunkt, deren Arbeit häufig darin bestehe, Menschen bis zum Tod zu begleiten.

Als Lösungsansatz fiel mehrfach, u. A. von der CDU, das Stichwort Housing First, ein Modell, das vor allem durch die Praxis in Finnland bekannt geworden ist: Menschen erhalten zuerst eine Wohnung, danach folgt Unterstützung bei weiteren Problemen. Bozkurt (GRÜNE) und Fischer (SPD) wiesen darauf hin, dass es Housing First in Berlin bereits seit Längerem gebe, das Programm aber zu gering finanziert sei. Kritisch angemerkt wurde zudem, dass in Sammelunterkünften teils Familien getrennt würden.

Die letzte Frage dieses Teils führte zurück zum Kernthema des Medienhofs, zur Schule. Faruk Čeliković (BSW), der nach eigener Aussage an einer Grundschule arbeitet, sprach sich deutlich für lebensnahe Unterrichtsinhalte aus. Kinder seien im Umgang mit Smartphones und künstlicher Intelligenz längst geübt, verließen die Schule aber häufig, ohne zu wissen, wie ein Mietvertrag zustande kommt oder wie man eine Steuererklärung ausfüllt. Rahmenlehrpläne müssten entschlackt und Themen wie Finanzen stärker verankert werden.

Politische Diskussion im Medienhofe, CR: Malin Kraus

Die Zettelabstimmung, CR: Malin Kraus

Ab in die Schnellrunde

Im zweiten Teil wurden die Karten zum zentralen Werkzeug, diesmal auch für die Kandidierenden. In einer Schnellrunde beantworteten sie eine Reihe kurzer Fragen ausschließlich mit Grün oder Rot, ganz ohne Begründung. Es ging unter anderem um die schnellere Anerkennung ausländischer Abschlüsse, die Bebauung des Tempelhofer Feldes, eine stärkere Einschränkung der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen und die Absenkung des Wahlalters. So entstand in wenigen Minuten ein Überblick über Positionen zu Themen, die in einer ausführlichen Runde kaum Platz gefunden hätten. Zum Abschluss ging es an die Fragetische. Hier konnten Besucherinnen und Besucher die Kandidierenden persönlich ansprechen, eigene Anliegen vorbringen und nachhaken. Der Abend endete mit einem gemeinsamen Imbiss.

Politik zum Anfassen

Der Abend zeigte, wie politische Bildung im Kiez aussehen kann: nah, direkt und mit klaren Formaten, die auch Menschen ohne Erfahrung mit Podiumsdiskussionen eine Stimme geben. Die Positionslinie machte Unterschiede zwischen den einzelnen Abgeordnetenkandidaten im Raum sichtbar, die Karten gaben dem Publikum eine Rolle, die sich vor allem für Fragen nach KI im Unterricht und Geschwindigkeitsbegrenzungen im Kiez interessierten, und an den Fragetischen wurde aus Wahlkampf ein persönlich-nahbares Gespräch. Die Themen des Abends, also Zugang zu Sprache, Obdachlosigkeit, Wohnen und Bildung, sind genau die Fragen, die den Alltag im Wedding prägen.

Faruk Čeliković (BSW) und Tuba Bozkurt (Grüne) an ihren Diskussionstischen, CR: Malin Kraus

Faruk Čeliković (BSW) und Tuba Bozkurt (Grüne) an ihren Diskussionstischen, CR: Malin Kraus

 

Hinweis

  • Wahlergebnisse: Die vorläufigen Ergebnisse für den Bezirk Mitte gibt es auf der Website der Landeswahlleitung Berlin.
  • Mitmachen: Du hast eine Idee für eine Veranstaltung im Medienhof? Schreib uns an herbert.weber@bildung-sprint.de oder ruf an unter 030 / 49 76 84 60.
  • Unterstützen: Mehr über SprInt und Möglichkeiten zu spenden findest du auf unserer Website.