Wo fängt Kinderarmut an?

Victoria Aharonov über Prävention im Wedding

Berlin-Wedding, 21. Oktober 2026 – von Malin Kraus

Vortrag von Victoria Aharonov, Bild: Malin Kraus

 

Beim jüngsten Fachtreffen sozialer Bildungsträger im Wedding ging es um eine Frage, die viele Einrichtungen im Kiez täglich beschäftigt: Wie lässt sich Kinder- und Familienarmut verhindern, bevor sie entsteht? Zu Gast war im September Victoria Aharonov, Koordinatorin für Kinder- und Familienarmutsprävention im Bezirksamt Mitte.

Wann entscheidet sich eigentlich, welche Chancen ein Kind hat? In der Schule, beim Übergang aufs Gymnasium oder doch schon viel früher? Über diese und weitere Fragen rund um Bildungschancen tauschen sich Bildungseinrichtungen im Bezirk Mitte, genauer im Wedding, einmal im Monat aus. Die Sitzung im September richtete der freie Träger Selam e. V. aus. Er begann seine Arbeit in Spandau und kam über Tempelhof in den Wedding, weil der Unterstützungsbedarf dort besonders hoch ist. Zu seinen Arbeitsfeldern gehören Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit sowie Konflikt- und Gewaltmanagement. Schulsozialarbeit leistet Selam auch an Schulen in Charlottenburg und Spandau, und nach eigenen Angaben legt der Träger besonderen Wert auf Interkulturalität und Mehrsprachigkeit. An der Sitzung nahm unter anderem auch SprInt-Gründer Herbert Weber teil.

Eine Strategie für Berlin

Die Koordinierungsstelle, die Victoria Aharonov leitet, ist Teil der Berliner Strategie gegen Kinder- und Familienarmut, die 2021 gestartet wurde. In Mitte gibt es die Stelle seit September 2024. Angesiedelt ist sie in der Stabsstelle des Bezirksstadtrats für Jugend, Familie und Gesundheit, Christoph Keller.

Ein einheitliches Modell gibt es dabei nicht. Wie Aharonov berichtete, sind noch nicht alle Berliner Bezirke an der Strategie beteiligt, und jeder geht in der Umsetzung anders vor: Mal ist die Koordinierung beim Jugendamt verortet, mal beim Gesundheitsamt, mal kümmert sich eine einzelne Person darum, manchmal ein ganzes Team. Das Ziel ist aber überall dasselbe: allen Kindern und Familien bessere Chancen auf Gesundheit, Bildung und Teilhabe zu ermöglichen. Dafür entwickelt die Koordinierungsstelle gemeinsam mit Akteur*innen im Bezirk eine integrierte bezirkliche Strategie weiter.

Wie groß der Handlungsbedarf ist, zeigen auch die Zahlen. Nach Angaben des Bezirksamts beziehen 38,3 Prozent der Kinder unter 15 Jahren in Mitte Transferleistungen, deutlich mehr als im Berliner Durchschnitt. Besonders betroffen sind die Bezirksregionen Osloer Straße und Wedding Zentrum, also genau die Nachbarschaften, in denen viele Träger aus der Runde täglich arbeiten. Die Folgen reichen weit: eingeschränkte Chancen auf Bildung, Gesundheitsversorgung und gesellschaftliche Teilhabe und ein sozialer Aufstieg, der deutlich schwerer wird.

Ursachen statt Folgen

Victoria Aharonov grenzte ihre Rolle klar ab. Die Koordinierungsstelle arbeitet präventiv und setzt an den Ursachen von Armut und Benachteiligung an, um die Folgen kümmern sich andere Stellen. Dabei geht sie aus zwei Richtungen vor: Einerseits sollen Impulse bestehende Strukturen verändern und strukturelle Benachteiligung abbauen. Andererseits sollen betroffene Menschen gestärkt werden, damit sie Chancen nutzen und eine aktive Rolle in der Gesellschaft übernehmen können.

Ein eigenes Budget hat die Stelle nach eigenen Angaben kaum. Umso mehr setzt Aharonov auf Zusammenarbeit: mit Multiplikator*innen, die bereits mit betroffenen Familien arbeiten, mit der Zivilgesellschaft und ausdrücklich auch mit Unternehmen, die sie in die Verantwortung holen will. Ihr Ziel ist eine handlungsfähige und solidarische Gemeinschaft, in der soziale Mobilität verlässlich funktioniert.

Jugendliche direkt erreichen

Als erste Strategie hat die Koordinierungsstelle einen Ansatz zur sozialen Mobilität mit Fokus auf Jugendliche entwickelt. Kinder und Jugendliche, betonte Aharonov, seien eine eigene Zielgruppe. Angebote für Eltern bleiben wichtig, doch Eltern können aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht immer alle Unterstützung an ihre Kinder weitergeben. Deshalb sei es zentral, junge Menschen auch direkt zu erreichen.

Ihre Haltung bringt sie in einem Interview mit der Plattform Mitwirkung Berlin auf einen Satz: „Kinder sollten gerechte Chancen nicht erst verdienen müssen.“ Im selben Gespräch verbindet sie ihre Arbeit mit dem hebräischen Begriff Tikun Olam, zu Deutsch „die Welt reparieren“. Für die kommenden fünf Jahre wünscht sie sich, dass Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung gemeinsam für verlässliche soziale Mobilität im Bezirk eintreten.

Ihre Perspektive speist sich aus der Praxis wie aus der Wissenschaft: Aharonov hat bei der Jugendberufsagentur sozial benachteiligte Familien beraten und als Sozial- und Islamwissenschaftlerin an Hochschulen zu Chancengerechtigkeit, struktureller Diskriminierung und interkultureller Sozialer Arbeit gelehrt.

Was gerade im Bezirk passiert

In der Sitzung stellte Aharonov auch einige Projekte vor, die die Koordinierungsstelle bereits angestoßen hat. Das Modellprojekt Step In geht von einer einfachen Beobachtung aus: Jugendliche aus privilegierten Familien jobben häufiger neben der Schule und sammeln so früh Erfahrungen und Kontakte. Wer diesen Zugang nicht hat, gerät weiter ins Hintertreffen. Genau hier setzt Step In an.

Die Unter-Arbeitsgruppe Kita4All kümmert sich um den Kita-Zugang für Kinder, die in Not- und Gemeinschaftsunterkünften, ASOG-Unterkünften, Hostels und anderen prekären Wohnformen im Bezirk leben. Die Gruppe ist am 2. September gestartet. Ihr Ziel ist ein besserer Zugang zu früher Bildung und Betreuung.

Ebenfalls von der Koordinierungsstelle ausgerichtet wurde in diesem Jahr der Fachtag „Soziale Mobilität junger Menschen: Wege aus der Armutsspirale“. Dort diskutierten 120 Teilnehmende aus Wirtschaft, Bildung und Zivilgesellschaft über Chancengerechtigkeit, finanzielle Bildung und faire Arbeitsbedingungen. Die vorgestellten Projektideen stießen nach Angaben der Veranstalterin auf große Resonanz und brachten neue Kooperationspartner.

Im Austausch

Im Anschluss an den Vortrag tauschten sich die anwesenden Träger untereinander aus, und zwar über die Frage, die über allem stand: Was sind die Hauptgründe dafür, dass Kinder in Armut aufwachsen? Victoria Aharonovs Antwort war deutlich: Das Bildungssystem ist ungerecht. Sie verwies vor allem auf die frühe Selektion von Kindern auf ihrem schulischen Weg. Die Träger richteten den Blick in der Diskussion dann noch weiter zurück. Aus ihrer Praxiserfahrung öffnet sich die Schere zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Haushalten schon im ersten Lebensjahr, lange bevor ein Kind eine Kita oder ein Klassenzimmer betritt. Diese frühen Unterschiede, so der Tenor, kann das Bildungssystem später kaum noch auffangen oder ausgleichen.

Für die Arbeit von SprInt ist das eine zentrale Diskussion. Wo setzt man in der Bildungsarbeit an, um strukturelle Ungleichheiten auszugleichen? Wie sich aus der Arbeit von Victoria Aharonov sowie schon existierenden Mitteln konkrete Maßnahmen ableiten lassen, darum und vieles Weitere, soll es in der nächsten Fachsitzung im Herbst 2026 gehen.

Hinweis

  • Koordinierungsstelle: Informationen zur Koordinierungsstelle für Kinder- und Familienarmutsprävention und zu Beteiligungsmöglichkeiten gibt es auf der Website des Bezirksamts Mitte.
  • Interview: Das vollständige Gespräch mit Victoria Aharonov findest du bei Mitwirkung Berlin.
  • SprInt unterstützen: Mehr über den Medienhof Wedding und Möglichkeiten zu spenden findest du auf unserer Website.