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Aus dem Medienhof-Leben

von Jürgen Jacobi 

 

So, der Alltag geht wieder los. Herbert hat mir gerade eine köstliche Story aus seinem Erziehungsalltag berichtet: Er musste seinem Sohn Oskar eine Gruselgeschichte erzählen. Mit Vampiren, Blut, Knoblauch und so. Jetzt wird er die Geister, die er rief, nicht mehr los, weil sein Sohn seit Tagen Schwierigkeiten beim Einschlafen hat. Also sitzt er jeden Abend beim Zubettgehen auf der Bettkante und muss mit einem gebastelten Kreuz die bösen Vampire fernhalten. Tja, da hat man immer die armen Kinder bedauert, die sich abends ohne Gutenachtgeschichten in den Schlaf wiegen müssen, und dann so was. Da hat das Leben mal wieder reingepfuscht. Ich kann nur hoffen, dass Herbert ausgeschlafen zum Dienst erscheint und bei Deutsch-Nachhilfe nicht einschläft, so dass die Kinder wieder mal nicht die adverbiale Bestimmung der Zeit beherrschen lernen.

 

Die Vorstellung alleine erzeugt bei mir einen Schauder des Entsetzens. Denn wie sollen wir unser Leben in den Griff bekommen, wenn wir nicht lernen, die adverbiale Bestimmung von Raum und Zeit zu beherrschen? Und entstehen daraus nicht die wahren Horrorgeschichten, etwa für Germanisten? Gar nicht auszumalen!

 

Ich meinerseits schlafe manchmal schlecht ein, wenn mir die Texte unserer Kinder in den Sinn kommen. Gibt es größeren Horror als den Satz einer polnisch-stämmigen Schülerin, die in einem Referat über die Geschichte des Rundfunks gleichzeitig verblümt und trotzdem schamlos in mein Ohr sprach: "Ärrste Radiosendung wurrde 1926 von Königsosterhasend aus gesändet. Zurr Aufführunk kam ein Stück von Antonín Dvo?ák."

 

Hatte ich von dem "gesändet" etwa Sand im Ohr! Stopp, rief ich irritiert! Von wo wurde gesendet? Königsosterhasend? Sie schaute mich an, als ob ich der einzige Mensch auf der Welt sei, der noch nie von Königsosterhasend gehört hätte.

 

Dann sprach sie das köstliche Wörtchen noch einmal. Nein, sie sprach nicht, sonder sie sang es, slawisch das r rollend, jede folgende Silbe um eine halben Ton nach oben oder unten verschiebend.

 

Aus meinem anfänglichen Horror wurde Verzückung. Ich sah Feen und Elfchen, königliche Osterhasen, etwa so groß wie der von Karstadt am Leo.. Und alle trugen eine blaue Blume im Haar. Dieses Königsosterhasend wurde schlagartig für mich das Zentrum der deutschen Romantik.. Für einen Augenblick war ich gelähmt, durchströmt vom Trübsinn deutscher Bildungspolitik. Dann aber setzte sich zum Glück durch, was ich gerne meine dadaistische Natur nenne. Heureka, schrie ich, und hätte sie beinahe umarmt. Du hast es geschafft, aus diesem Scheiß-Kaff Königswusterhausen durch einen Hörfehler ein zauberhaftes Örtchen zu machen.

 

„Abärr - ist richtig odärr nicht?“

 

„Äh...leider nicht!“

 

Aber was soll´s, Schule ist kein Ort der dadaistischen Poesie. Es half alles nichts, Magda holte ihren Radiergummi aus dem Beutel. Königsosterhasend wurde im wahrsten Sinne des Wortes ausradiert. Allerdings nicht in meinem Herzen. Dort hat es Zeit meines Lebens einen Platz. So wurde also aus Pfusch ein wahrer Schatz. Und mein Wortschatz ist um ein Kleinod reicher geworden.

 

Am nächsten Tag sitze ich ziemlich gelangweilt am PC. Nicht ahnend, dass in wenigen Minuten mein Wortschatz kurioser Stilblüten um zwei weitere Begriffe anschwellen würde.

 

Verdammt, die Zeit im Mediencafe vergeht mal wieder nicht. Noch ne halbe Stunde etwa, bis die Schwemme der Hilfesuchenden einsetzt. Nur Sümeyye und Magda sind anwesend. Ich schaue mich arbeitssuchend um .

 

Die Blumen sind gegossen. Der Boden von den Bildungs-Schnipseln des Vortages gesäubert. Was tun? Magda und Sümeyye mit dummen Witzchen von der Arbeit abhalten? Ich verkneife es mir. Also ran an den großen Zeitvertreiber, das Internet. Aber was anklicken? Das Wetter? Eishockey-Ergebnisse? Was fiel mir gestern nicht ein? Irgendwas mit deutscher Grammatik? Jetzt hätt ich Zeit, nachzuschlagen.

Aber ich weiß nicht mehr, was ich gestern nicht wusste.

Was ich jetzt wissen will, weiß ich erst recht nicht.

Wahrscheinlich werde ich auch übermorgen nicht wissen wollen, was ich morgen nicht gewusst haben werde.

Ich glotze also blöd auf den Bildschirm. Und wenn ab und an nicht das Lachen von Magda und Sümeyye am PC nebenan maiglöckchenhell in mein Gemüt dringen würde - ich schliefe wohl schon. Zur Not könnte ich noch eine Werbungs-Seite auf Google anklicken. Top-model of the world, Paris Hilton, DSDS vielleicht, aber ich fürchte, beim Anblick von notdürftig bekleideten Frauen falle ich in einen Koma-tiefen Schlaf.

 

Zum Glück spricht mich Magda von der Seite an. Müde und leicht schwerhörig verstehe ich nur halb. Wie kleine Kinder habe ich aber das letzte Wort in ihrer Frage ungefähr behalten. Irgendwas wie „Verrat“ muss es gewesen sein. Das verspricht spannende Unterhaltung, und ich frage sofort nach: „Was für ein ´Verrat` ?“

„Nein, nicht Värrat“, antwortet Magda, „ es ist Gliddärrung von unserem Räfärrat. Willst du hören Glidderung von Räfärrat?“ Und ob ich wollte. Auf Paris Hilton ist gesch..., wenn Magda und Sümeyye Referate gliedern.

Überglücklich bitte ich also darum, dass mir Magda die Gliederung vorliest. Es geht offensichtlich um den Freistaat Bayern. Zumindest entnehme ich es ihren ersten Worten.

 

Fläche soundsoviel qkm, aha, Einwohner soundsoviel Millionen, ähem, Hauptstadt ist immer noch München. Ach nee. Fast überfällt mich wieder Müdigkeit. Ich fange einen bangen Blick von Sümeyye auf, ob das denn alles richtig sei. Ich nicke allwissend und bin für einen Augenblick nicht mehr konzentriert. Magda las unterdessen weiter vor: Ministerpräsident Ulli ..., Bruttosozialpro....“Halt“, rufe ich, jetzt hellwach.

 

„Bitte noch mal zurück zum Ministerpräsidenten. Wer ist Ministerpräsident?“

 

Magdas Zeigefinger sucht in ihrem Manuskript nach dem Ministerpräsidenten Bayerns. Er liegt zwischen Neuschwanstein und BSP. Dann schaut sie mich an. Und während ich in ihren Augen sämtliches Licht aller Bernsteine der Kurischen Nehrung funkeln sehe, haucht sie unsicher: „Ulli Hoeness?!“

 

Ein kataleptischer Anfall rund um meine Bauchmuskeln tritt ein. Der Druck entlädt sich explosionsartig in einem Lachen.. Ein Wölkchen Unsicherheit trübt jetzt ihren bernsteinfarbenen Blick.

 

„Magda“, sage ich zu ihr, „sei mir nicht böse, aber du bist die Göttin der Verirrung.“

 

„Värrwirrung?“

 

„Ja, das vielleicht auch, aber ich meine, du hast dich auf der Suche nach dem Ministerpräsidenten Bayerns irgendwo im Internet verirrt. Irgendwas ist durcheinander geraten. Wahrscheinlich hast du den Präsidenten vom Fußballclub Bayern und den Ministerpräsidenten Bayerns bei deinen Recherchen in einen Topf geworfen. Verstehst du?“

Natürlich verstand Magda, sie lachte sogar, und nichts trübte mehr das Licht ihrer bernsteinfarbenen Iris.

Sie schaut mich wissbegierig an: „Und wärr ist Ministärrpräsident in Bayärn?“

Ich überlegte angestrengt. Verdammt. Aber es fiel mir partout nicht ein. Ich war augenscheinlich irisiert - oder so ähnlich.

 

Aber es sollte noch nicht alles sein. Beim Unterpunkt Tourismus kam die Sprache natürlich auf dieses Zuckerschlösschen vom allerliebsten Bayern-König Ludwig. Ich legte mich mächtig ins Zeug, drückte dem Muttersöhnchen gleich mal meinen antifeudalen Stempel auf. In der Hoffnung, die Mädchen wurden diese Prägung ihr Leben lang aufrechterhalten.

Und auf Ludwig und die Vergangenheit pfeifen.

Opium! Der Typ hat Opium geraucht. Und seine Waldbauern hatten im Winter nichts zu fressen. Aber wer steht in den Geschichtsbüchern? Eine majestätische Wasserleiche. Keine Waldbauern.

Mahnend streckte ich meinen Finger in die Luft, hoffend, daß ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe treffe. Einerseits das dekadente Königshaus, andererseits den Gebrauch von Drogen. Also mache ich den König schlechter als den letzten Junkie vom Leo.

Gelangweilt von meiner moralischen Predigt, druckte Magda am PC eine leider wunderschöne Ansicht von Neuschwanstein aus. Missbilligend stellte ich in ihren Augen einen schwärmerischen Ausdruck fest. Na ja, in diesem Alter ist man halt nicht gegen Glanz und Gloria gefeit.

Diese zeitlose Anfälligkeit für Pomp und Glamour schlug sich allerdings wenig später in der Gliederung nieder.

 

Magda las weiter: „Ville amärrikanische Torristen besuchen Neuschweinstadt...“

 

„Stopp“ unterbrach ich sie, diesmal innerhalb einer Zehntelsekunde. Ungläubig riss ich ihr das Manuskript aus der Hand, gierig nach dieser neuerlichen freudschen Fehlleistung. Tatsächlich, unter dem Punkt Tourismus stand das Wort „Neuschweinstadt“. Obwohl mit der Umbenennung durchaus zufrieden, denn das Wort traf die Sache auf den Punkt, konnte ich doch nicht umhin, die Sache zu korrigieren. Ich tat es gegen einen inneren Widerstand. Für mich war Neuschweinstadt der treffendere Ortsname ...

Gleichzeitig war ich mir bewusst, dass der berechtigte Begriff die Note durchaus um eine Note drücken würde.

Magda holte also wieder mal ihren Radiergummi aus dem Mäppchen. Und genauso wie Königsosterhasend erging es jetzt Neuschweinstadt. Es wurde ausradiert.

 

Eigentlich sehr schade.

 

Jedenfalls wird für mich der Bayernpräsident Ulli Hoeneß in Zukunft immer irgendwo zwischen Königsosterhasend und Neuschweinstadt angesiedelt sein.

 

 

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