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Spendenaufruf

Die Schülerinnen und Schüler aus dem Soldiner Kiez brauchen Unterstützung für Sprachförderung und Fachnachhilfe!

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Theater im Medienhof oder

In den Rossbreiten der Kunst

 

Epilog

Subtropen, Atlantik, 30° südlicher Breite.

Der Wind ist abgeflaut. Der Horizont längst aufgelöst. Himmel und Meer haben sich vermählt. Unten und oben sind eins. Kein gutes Zeichen. Kein Sturm so furchterregend wie diese Stille. Kein Orkan so grausam wie die Sonne. Sie bringt kein Leben. Sie bringt den Tod. Kein Lüftchen weht. Kein Vogel schwebt. Das Segeltuch hängt schlaff am Rahen. Von den Fässern Fäulnisgeruch. Das Schiff eingeschlossen. Kein stolzes Wiegen der Hüften der „Königin Victoria“. Selbst kein Dümpeln mehr wie eine Bauernmagd. Ein bleierner Ozean umfasst das Schiff. Die See glatt wie ein Spiegel. Das Seil hängt schlaff vom Heck. Nicht ein Knoten Fahrt. Keine Brise, die dem Schiff Beine machte und den Gedanken Flügel verliehe. Der Kapitän mit seinem Latein am Ende. Die Lippen trocken und dünn. Keine Kraft zum Fluchen. Kein Wölkchen weit und breit. Gestank der Pferde vom Unterdeck. Nichts beflügelt den Geist. Kein Wind bläht die Segel. Kein leises Knarren vom Mast, das Hoffnung brächte. Gold und Ruhm in unerreichbarer Ferne. Auf der Kommando-Brücke steht die Angst. Die Angst vor dem Verdursten. Pferde saufen viel. Bevor gestorben wird, wird getötet. Die Pferde zuerst. Wie das Vieh stirbt, so stirbt auch der Mensch. Denn alles ist eitel.

In den Rossbreiten.

 

1. Akt: Exposition

Der graue Alltag hatte mit Gebrüll begonnen. Anlass war eine harmlos zwischen zwei Menschen sich drängende Frage. Hartnäckig, keinen Aufschub duldend. So kam die Frage zwischen die Menschen. Und mit der Frage der Zwist. Denn, so steht es geschrieben: Antworten gibt es viele. Aber alles ist eitel. Und jeder will nur die seine Antwort. Ja oder Nein. Aber dazu später.

 

1. Protagonist:

Der eine dieser zwei Menschen war ein Dramaturg auf Zeit. Er hatte die Fäden im Kopf gesponnen, die Bühne im Auge, die Lichtanlage im Blick, die Schauspieler in der Hand, die Musik im Ohr - und einen Bowler Hat auf dem Kopf. Puplic Relation machte er nebenbei, sozusagen mit links. Er hatte über Wochen hinweg mit drei, vier hoffnungsfrohen Schauspielern ein moralisch daherkommendes Theaterstück auf die Bühne gestellt. Das Ensemble bestand aus drei Personen: Kapitalist, Proletarier, Pantomime. Und es sollte heute, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt, nämlich 20.30 Uhr, dem dunklen Wedding etwas Aufklärung bringen. Die Natur muss wohl von diesem Konzept überzeugt gewesen sein. Den ganzen Tag über hatte sie gutmütig mitgespielt und den Himmel theatralisch düster verhangen. Es regnete mehr oder weniger ununterbrochen.

 

2. Protagonist:

Ich selbst. Was den erwähnten Regen betrifft: da ich poetisch veranlagt bin und trotz der Warnung meines Hausarztes nicht davon lassen kann, möchte ich den Regen in eine Zeile zwängen. Also:

Alle Tränen dieser Welt fielen an diesem Tag in diesen Hinterhof.

Oder, wie meine Kollegin Bahar es einmal treffender formuliert hatte:

Hinter Allem steht etwas Schwarzes.

Zurück zu mir. Angestellt auf Zeit. Mädchen für alles. Also auch eine Art Pedell, Koch, Blumengießer, Ratgeber für Studentenherzen. Hof-Feger. Clown für traurige Grundschüler. Großinquisitor aller Logik. Großmoderator aller sich tummelnden Ethnien mit Konfliktpotential. Spinnefeind der Mathematik und Physik. An diesem Tag auch der eilfertige homunculus des großen Zampano.

 

 

Ort:

Wedding, 3. Hinterhof, von Regenwolken gedeckelt, Bildungseinrichtung und Dilettanten-Bühne. Dem Eindruck eines Gefängnishofes nur dadurch entkommend, dass an einer Brandmauer wilder Knöterich nach Freiheit in die Höhe strebt und an zwei weiteren Hauswänden in militärisch exakten Abständen angepflanzter Kirschlorbeer die naive Absicht verrät, hier Natur vorzutäuschen. Aber Vorsicht, lieber Leser, vergiss eines nicht: die Natur wird hier im Übermaß von Menschen repräsentiert. Und ich kann versichern – alle sind zwar nicht immer „ein Herz und eine Seele“, aber sie haben sowohl das eine als auch das andere. Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, den Verstand, mühen sich tagtäglich redlich und kompetent etliche Studenten, die Zuwanderer-Kinder aus aller Herren Länder in den Himmel des deutschen Bildungsbürgertums zu heben. Kein schlechter Ansatz, gewiss.

Aller Ehren wert.

Aber wohl sehr ermüdend, wenn da nicht die Kunst ab und zu dem trockenen Pauken mit ihrer belebenden Würze zur Seite springen würde.

Ach so, beinahe hätte ich es vergessen. Es mag vielen unwesentlich erscheinen, aber ich muss unbedingt die vielen im Knöterich hausenden Spatzen erwähnen. Sie veranstalten einen mordsmäßigen Radau, besonders morgens und abends hallt der ganze Hinterhof von ihrem Gezeter und Gezänk wider. Nur wenn nachmittags die Schüler da sind, schweigen sie. Oder werden übertönt. So genau weiß ich es nicht. Jedenfalls hört man dann trotz der drei Hinterhöfe das monotone Rauschen des Verkehrs auf der Prinzenallee. Warum die Spatzen einen Mittagsschlaf halten, ist mir schleierhaft. Bei Gelegenheit werde ich mich um dieses letzte Rätsel kümmern, auch wenn mein Hausarzt davon abraten sollte.

 

2. Akt: Der Konflikt

Sie kam daher wie vieles andere auch, nicht überraschend, durchaus angebracht, nachvollziehbar, der Sache dienend. Wenn ich es recht überlege, gab es an ihr nichts auszusetzen. Stutzig machte mich nur der sie begleitende Ton. Der Dramaturg verfügt über einen beachtlichen Brustkorb. Dieser musste schon lange von der nervenaufreibenden Tätigkeit über den bekannten psychosomatischen Umweg unter Druck gestanden haben. Das Überdruckventil, in diesem Falle die Mundöffnung, war rein mechanisch nicht in der Lage, Artikulation und Druckausgleich in Einklang zu bringen. Die Harmlosigkeit der Frage stand in groteskem Gegensatz zu ihrem Ton. Sie lautete:

 

„ Warum stehen die Klapptische immer noch im Wege herum?“

 

Ich weiß nicht, woher ich den Mut nahm. Aber ich sah ihm in die Augen. In ihnen brannte das eiskalte Feuer aller auserwählten, entschlossenen Dramaturgen.

So mag Robespierre ausgesehen haben bei der Frage: Warum sind noch nicht alle geköpft. Wilde Entschlossenheit drückten auch seine Hände aus. Zum Zupacken bereit, drauf und dran, die unschuldigen Tische zu erwürgen. Oder eben mich. Etwas verlegen blickte ich mich im Raum nach Platz für die Tische um. Ihn aber, einem an diesem Tag mit der Muse im Orgasmus liegenden Mann, packte angesichts meiner Verzagtheit kalte Wut. Es waren schließlich nur noch 6 Stunden bis zur Aufführung. Und die drei bemalten Pappkartons, das aufs Wesentliche reduzierte abstrakte Bühnenbild, standen immer noch nicht am richtigen Platz. Er erniedrigte schnurstracks seine Schauspieler zu Möbelpackern. Und schon machte sich die Karawane unter seinen Flüchen und Verwünschungen mit den Tischen in den anliegenden Medienraum auf den Weg.

 

„Herrgottnochmal, warum hat Herr Weber nicht mehr Personal eingestellt?“ Diese Frage musste er mir beim Vorübergehen noch an den Kopf werfen. Ein bisschen Spucke benetzte meine linke Wange. Ich hielt ihm nicht auch noch die rechte hin. Was ich fürchtete, war nicht die Schweinepest. Ich rechnete jeden Augenblick mit Gift- und Galleregen und trat beiseite.

Herr Weber, Leiter des Medienhofes, saß zu dieser Stunde mit Studenten bei einer wichtigen Besprechung im angrenzenden Medienraum. Herr Weber, ein blondgelockter Hüne, der auf jeder wagnerschen Opernbühne einen exzellenten Siegfried abgeben würde, hatte zu exakt gleicher Stunde des vorherigen Tages eine beachtlich laute Auseinandersetzung mit dem Dramaturgen. Es ging um die Haftung für den Zeitraum der Aufführung im Falle eventueller Schäden. Vielleicht auch, in der Meinung des Dramaturgen, um demolierte Stuhlbeine durch ein außer Rand und Band geratenes Publikum. Die Arie, im Duett gebrüllt, hätte auf einer Opernbühne etwa folgenden Wortlaut:

 

Haftung, Haftung, sie müssen ha...a...ften

Haftung, Haftung, ich denke nicht dara...a...an

Sie mü...sie mü..sie...mü...ü...ssen

Haha, dass ich nicht la...a..cheee

 

Jedenfalls war keine Einigung herbeizuführen. Der Versuch des Dramaturgen,

Herrn Weber, den Leiter des Medienenhofes, sogar noch auf dessen Weg zur Toilette mit exzessiver Gestik und einschüchternder Lautstärke von seiner(des Dramaturgen) begrenzten Haftungsfähigkeit zu überzeugen, fruchtete nichts. Ich bot mich an, zwei leere Pappkartons, einige Stoffreste und Spinnfäden von der Bühne zu schaffen. Das Ablenkungsmanöver klappte, wenngleich die Haftungsfrage dadurch nicht geklärt war. Und der Tag verlief nur noch mit wenigen, überdurchschnittlich lauten Differenzen. Im Nachhinein fällt mir aber doch ein, dass die Spatzen an diesem Tag ihr Gezeter ganz eingestellt hatten.

Einen Tag danach, also heute, platzt der theatralische Mann mirnichtsdirnichts in die Besprechung. Ohne anzuklopfen, ohne zu fragen. Die Kunst bahnt sich ihren Weg. Sie ist nicht aufzuhalten. Es ist gut vorstellbar, wie die Studenten in der Enge des Raumes die Köpfe einziehen. Ebenfalls gut vorstellbar ist, wie die Tischplatten haarscharf an den PCs vorbeischrammen. Nicht vorstellbar jedoch ist, wie Herr Weber, Leiter des Medienhofes, dieser erneuten Attacke gleichmütig und souverän hätte begegnen können. Ich will an dieser Stelle nichts wiederholen. Soviel jedoch steht fest. Es war eine Materialschlacht an Nervenzellen, Energie, Herztätigkeit und Adrenalineinsatz. Die wichtigste Waffe jedoch war das seit Urzeiten wirksame Gebrüll zur Einschüchterung. Ich trat auf den Hof und versuchte vergeblich, den Verkehrslärm der Prinzenallee wahrzunehmen.

Der Regen wurde stärker. Mein Blick fiel auf die Holzböcke der dort abgestellten Bühne.Der Meister hatte vor, ohne Bühne zu spielen. Sein Stück sollte nicht von der hohen Warte der Kunst herab auf die Menschen treffen. Ich ging zurück und machte den Meister darauf aufmerksam, dass es wohl besser wäre, die Bühne in die Garage zu bringen. Die Bühne könnte sonst für immer und ewig aus dem Leim gehen.

Er folgt mir auf den Hof und murmelte etwas wie „ ob Tischlerei, ob Schreinerei - ist doch alles einerlei“. Ich begnügte mich mit dieser wenig dienlichen Bewertung zweier durchaus ehrbarer Handwerkskünste und fing an, das Holz in der Garage zu lagern. Als die Arbeit getan war, drang der Lärm des Straßenverkehrs wieder in mein Bewusstsein. In der Schlussfolgerung bedeutete dies, dass der Kampfeslärm abgeebbt sein musste.

 

Und tatsächlich, im Mediencafe saß Herr Weber, der Leiter der Medienwerkstatt, am PC. Die Röte, die ihm während der Auseinandersetzung zu Kopfe gestiegen war, hatte sich fast wieder verzogen. Das Gewitter war vorbei. Wir unterhielten uns kurz über die sinnvolle Nutzung der Theaterwerkstatt in Zukunft, bevor sich Herr Weber von mir verabschiedete. Ich war allein. In der Theaterwerkstatt nebenan schien alles ruhig zu sein. Ein flaues Gefühl machte sich in meinem Magen breit. Mein Hausarzt rät mir in allen passenden und unpassenden Momenten, auf die Signale meines Körpers zu achten. Ich achtete also höchst konzentriert, war mit mir selbst aber uneins, ob mein Zustand eher mit „flau“ oder „mulmig“ zu beschreiben wäre. Die einzig aufgenommene Nahrung zweier halber Brötchen während des ganzen Tages ließen eher die Beschreibung „flau“ zu. Das Wissen um den sich im Nebenraum aufhaltenden Dramaturgen sprach eher für die Verwendung des Begriffes „mulmig“. Ich beschloss, die Methode des Ausschlussverfahrens anzuwenden, für ein Stündchen nach Hause zu fahren und etwas zu mir zu nehmen. Gedacht, getan. Auf dem Rückweg zum Medienhof war alles klar: das flaue Gefühl war verschwunden, umso mehr aber machte sich das mulmige Gefühl breit. Es war also nicht ein „entweder/oder“, sondern beides gleichzeitig gewesen.

 

3. Akt: Die Auflösung

 

Die Tür der Medienwerkstatt war zu. Die Fenster, mit schwarzen Tüchern behangen, schirmten die Kunst vor ungeduldigen Blicken ab. Ich fingerte nach meinem Schlüsselbund. Selbst die Tür schien mir den Eintritt verwehren zu wollen. Auch sie war mit schwarzen Tüchern verhangen. Fast verwickelte ich mich in dem schweren Stoff. Endlich befreit, bot sich mir ein beeindruckender Anblick:

 

Auf dem Teil des Bodens, der gleichzeitig Bühne war, lag der wieder einmal tote Chico Mendes, spärlich beleuchtet von ein oder zwei müden Scheinwerfern. Am anderen Ende des Raumes erkannte ich nach einer Weile den Dramaturgen am Lichtpult. Zum Bowler-Hat hatte sich noch eine lustige rote Weste mit eingewirkten Goldfäden gesellt. Unter dem Tisch staken seine Beine in viel zu kurzen Hosen hervor. Die Kürze der Hose machten überlange Socken wett. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob sie geringelt waren. Neben ihm, stumm wie es sich gehört, verharrte regungslos der Pantomime.

Der Böse des Stückes, selbstverständlich ein Kapitalist, jonglierte mit einer silbern glänzenden riesigen Pistole.

Die Beleuchtung wechselte alle paar Sekunden, als entlüde sich die aufgeladene Spannung wie vor einem trockenen Gewitter. Mal sah ich die Beinkleider von Chico in grellem Licht, mal warf die angestrahlte Pistole einen riesigen Schatten an die Wand. Dann wieder verloren im Halbdunkel alle Dinge ihre Konturen. Die Kunst lag im Halbdunkel. Die schwarzen, schweren Vorhänge dämpften jeden Laut. Kein Lüftchen ging, kein Wörtchen fiel.

Kein Zweifel: wir befanden uns in den Rossbreiten der Kunst.

 

Nach einer langen Weile – das Totsein erfordert schließlich von Schauspielern das größte Einfühlungsvermögen, weil keiner weiß, wie es sich anfühlt– also nach einer schrecklich langen Weile erhob sich Chico vom Boden und trat an die Seite des Dramaturgen.

„ Was ist mit der Musik? Funktioniert die Anlage wirklich nicht?“

Dieser trommelte unruhig mit den Fingern auf´s Lichtpult und flötete: „ Offenkundig...offensichtlich...offenbar.“ Sein komödiantischer Ton stand in groteskem Gegensatz zur bange geäußerten Frage. Chico fasste sich an die Stirn. Eine kleine Geste, gewiss, aber von shakespearscher Größe.

Jetzt kam Wind auf. Der Kapitän wandte sich an mich, ob denn ein blauer Filzstift verfügbar sei.

„ Das dürfte kein Problem sein“, erwiderte ich unterwürfig und reichte ihm flugs das Schreibutensil aus dem Büro von Herrn Weber, dem enteilten Leiter des Medienhofes.

Er kritzelte ein paar Zahlen neben die Schalter auf dem Lichtpult. Der Pantomime half ihm wortlos und mit selbstverständlicher Gestik. Er kam offensichtlich aus seiner Rolle nicht mehr heraus.

„ Ich versteh` es nicht, ich versteh es nicht` “ murmelte der Leiter des Ensembles. Woraufhin Chico Mendes mit gesenktem Haupt zur Bühne schritt, sich dort – merkwürdig langsam auf den Absätzen drehend - den leeren Stühlen zuwandte, dann sein Kinn vollends auf die Brust sinken ließ und in sich ging. Nach einer kurzen Weile, die Falten lagen eng

gepackt auf seiner Stirn wie die Wolken in Shakespeares „Sturm“, hob er sein Haupt und sprach mit jenseitiger Stimme: „Unter diesen Umständen kann ich nicht auftreten.“

 

Die leichte Brise im Rücken, die mit dem blauen Filzstift eingesetzt hatte, flaute schlagartig ab. Statt ihrer machte sich eine leichte Verspannung in meinem Nacken breit.

Den Dramaturgen schien diese existentiell wichtige Ansage von Chico Mendes nicht zu irritieren, die anderen jedoch schon. Sie verzogen sich mit dem nun auch seelisch verletzten Chico in die angrenzende Küche. Eine Souffleuse, ganz ihrer Natur entsprechend, war aus dem Nichts aufgetaucht. Ich hatte sie die ganze Zeit über nicht bemerkt. Was mich verwunderte, schließlich hatte der Regisseur ja auf die Bühne verzichtet um ebenerdig, Auge in Auge mit dem Publikum, sein Stück aufzuführen. War sie etwa in der angrenzenden Küche versteckt gewesen, um von dort aus lauthals die Stichwörter auf die Bühne zu brüllen?

     Ich setzte mich artig auf einen Platz in einer vermeintlich neutralen Zone und harrte der Dinge, die unvermeidlich kommen mussten.

In diesem Moment klopfte es an die Tür. Der erste Zuschauer begehrte Einlass.

Der Mann mit dem Bowler-Hat öffnete ihm und verwehrte ihm den Einlass mit der Begründung, es stehe noch kein Wechselgeld zur Verfügung.

„Ich hab` es passend“ erwiderte der Ungeduldige und zückte einen 5€ - Schein.

„Wir haben trotzdem kein Wechselgeld“ knurrte der Dramaturg. Diese Antwort entsprach zwar der Wahrheit, löste bei dem Fan aber trotzdem einige Verwirrung aus. Der Meister starrte an dem Theaterliebhaber vorbei. Sein Blick ging in die Ferne, sprich Zukunft. Der Fan grübelte, mit Blick auf den Boden. Dort liegen Verbundsteine aus Beton. Es gab kein Durchkommen. Respektvoll, wie es sich für einen Kunstliebhaber gehört, zog er sich dann zurück.

Das Ensemble kam aus der Küche zurück, und ich beschloss, die Intimität des letzten Aktes nicht durch meine Anwesenheit zu stören. Ich trat in den Hinterhof und zügelte meine jetzt aufkommende Unruhe mit einer Zigarette. Noch mehr Zuschauer kamen, und ich bedeutete ihnen, um Gottes Willen jetzt nicht an die Tür zu klopfen. Es werde gleich eine wichtige Erklärung kundgetan. Ein wenig erschrak ich vor meiner eigenen, gestelzten Wortwahl, fingerte eine zweite Zigarette hervor und beschloss, meine trotz der zweiten Zigarette nicht mehr zu unterdrückende Unruhe mit ein paar Schritten zu begegnen. Also lief ich durch die Hinterhöfe zur Prinzenallee. Dort versperrte ein Polizeiauto die Einfahrt. Völlig emotionslos beobachtete ich, wie ein mir bekannter Jugendlicher in Handschellen seinen hoffentlich ahnungslosen Eltern zugeführt wurde. Die Szene, normalerweise doch von einiger Dramatik, kam mir lächerlich unbedeutend vor, gemessen an der Tragödie im 3. Hof. Gerade noch rechtzeitig zurückgekehrt, sah ich, wie sich die Tür der Theaterwerkstatt halb öffnete. Die Vorhänge blähten sich wie schwarze Segel. Ein kurzer Kampf des Dramatikers mit dem schweren Stoff. Der Stoff gab nach.

Dann trat der Mann mit der goldenen Weste unter die Menschen. In der Mitte des Hofes hob er die Arme und verkündete mit kräftiger Bühnenstimme:

„ Der Butler von Ionescu gibt bekannt: Die Vorstellung fällt aus.“

Einige drehten den Kopf in alle Richtungen, als könne von irgendwo eine etwas präzisere Erklärung kommen, manche befiel eine Art Lähmung, alle schwiegen. Nach kurzer Wortlosigkeit kam Gemurmel auf. Aber nichts von Unmut oder gar Empörung lag darin. Es war Ratlosigkeit. Ratlosigkeit im Nachhilfezentrum.

Langsam, fast unwillig, verließen die Enttäuschten den Hof. Nur das Ensemble, jetzt ohne Kapitän, stand noch leise tuschelnd im Hof.

Als ich die Theatertür abschloss, hörte ich ein leises Schluchzen.

Chico Mendes saß, den Kopf in seinen Händen bergend, zwischen zwei Kirschlorbeer- Sträuchern. Ich verstand ihn. Es war kein edler Lorbeer, der sein Haupt kränzte. Es war nur Kirschlorbeer.  

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