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Hülyas Praktikum

Hülya und Jürgen Jacobi

kleine Satire, an den Haaren herbeigezogen, (mit authentischem Praktikumsteil)

Eines schönen Tages kommt Hülya mit der Bitte zu mir, ihr beim Verfassen eines Praktikumsberichtes zu helfen. Zehn lehrreiche Tage hat sie die Kunstfertigkeit einer Hair-Stylistin  bewundern dürfen. (Auf den altmodischen Begriff Friseuse verzichte ich vorläufig. Komme aber noch darauf zurück.) Schulpraktikum nennt sich so was, wenngleich ein wenig irreführend. Natürlich mit dem  kultusministeriellen Hintergedanken, die Schüler werden sich bei dieser ersten Kontaktaufnahme unsterblich in das haarige Handwerk verlieben. Trotz der beruflichen Aussicht auf schnöde Dumpinglöhne und allabendliche Haare in den Suppen spuckender Kinder wird in den Schülerinnen vielleicht die leidenschaftliche Sehnsucht geweckt, unbedingt Friseuse werden zu wollen. Eine Sehnsucht, entfacht und gleichzeitig gestillt nur von den dankbaren Blicken gefönter Frauen, die sich wieder für ein paar Tage auf der Straße blicken lassen wollen. L`oreal sei Dank.  Obwohl selbst ein Kultusminister wissen sollte, dass Liebe auf den ersten Blick in 99 von 100 Fällen nicht zu einer lang währenden Beziehung führt.

Das Gesicht bleich, das Papier weiß, so sitzt Hülya vor mir. Gibt es eine Steigerung von „leer“? Manche behaupten ja, die Steigerung sei „Lehrer“. Ich behaupte:  das Gesicht von Hülya war eindeutig leerer als das Papier weiß. Ich mustere sie ein bisschen genauer und hätte schwören können, dieses Gesicht ist nicht in Liebe entbrannt. Zumindest nicht zum Beruf der Coiffeuse. Sie drückt mir das Formular in die Hand.

„Salon Diva“ heißt der Laden. Bei dem Begriff „Diva“ fiel mir bis zu dem Tag immer nur Greta Garbo ein, die Göttliche mit dem Schlafzimmerblick. Warum ein Friseurladen sich ausgerechnet mit diesem Substantiv in die Nähe Gottes rücken muss, mag frommen Seelen als Sakrileg erscheinen. Es entbehrt bei näherem Betrachten aber nicht jeder Logik. Wenn man sich nämlich fragt, wen der Allmächtige unter seinen Geschöpfen zu seinen Lieblingen erkoren hat, dann sind es zweifellos jene, die dem Menschen mit Schere und Kamm auf den Leib rücken, um ihm ein göttliches Aussehen zu verpassen. Denn bei aller Perfektion an Haupt und Gliedern hat es Gott bei der Kreation des Haarwuchses mit List darauf angelegt, seine eigene Größe der des menschlichen Versagens tagtäglich gegenüberzustellen. Er hat also keineswegs gepfuscht.

Im Gegenteil: er hat es darauf angelegt, dass sich Millionen Menschen mit Lockenwicklern, Brennstäben, Nagelzangen, Scheren  und Schweißgeräten torturieren lassen, klaglos beim Haare waschen das Eindringen von Chemikalien in Mund und Nase hinnehmen und nach dem Einatmen giftiger Spraypartikel benommen ein Geständnis ablegen, das da lautet: mein Haar, ja, es ist schön. Und kein Gerichtshof der Welt hat jemals gegen dieses unter Foltermitteln erzwungene Geständnis Berufung eingelegt. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn – ähnlich wie bei Galileo Galilei – folgt der Widerruf der Aussage doch schon wenige Wochen danach, manchmal auch nur wenige Tage. Dann heißt es plötzlich wieder: nein, es ist nicht schön.

Wer also beweist die Allmacht Gottes jeden Tag? Ganz eindeutig die Friseure. Sie mühen sich und schaffen doch nicht, was der Schöpfer mit einem Fingerschnippen hinkriegen würde.

 

Wer jemals als Pubertierender auf der Suche nach der eigenen Mutter unvorbereitet in einen Friseurladen der 50er Jahre gestolpert ist, kann den Schrecken, ja das lebenslang anhaltende Trauma ermessen, das eine ganze Generation erfasste. Es ist für mich sonnenklar, dass die Rebellion der 68er keineswegs gegen den tausendjährigen Mief unter den Talaren gerichtet war, ebenso wenig  galt sie  der Verstrickung der Väter in Nazi-Deutschland oder der sexuellen Bigotterie.  Nein, die Studenten-Revolte ist eindeutig auf die Friseurläden der 50er zurückzuführen.

Sehen wir dieses Guantanamo des Kalten Krieges doch nur einmal mit den Augen eines damaligen 10jährigen. Der hat gerade seine ersten Science-Fiction Heftchen verschlungen. Und geheimdienstliche Methoden, etwa Gehirnwäsche, sind ihm auch schon ein Begriff, wenn auch vage. Nehmen wir weiter an, die eigene Schwester schickt den Knirps zum ersten Mal in einen Friseurladen mit dem Auftrag, die Mama zu fragen, wie viel Maggi-Würfel in die Sauce zu rühren sind. Der noch unschuldige Junge betritt also den Laden. Was er sieht, wird sein Leben nachhaltig verändern.

Einige der  Köpfe der Frauen haben sich in summende, monströse Weltraumhelme verwandelt. Der Boden ist mit abgeschnittenen Haaren bedeckt. Eine Gefangene beugt den Nacken über ein Waschbecken. Eine Schergin des grausamen Handwerks gießt ihr heißes Wasser über den entblößten Hals. Im Haar einer anderen sind Dutzende von Elektroden angebracht. Mit verzagtem Mut tritt er an, klopft an den erstbesten Weltraumhelm.

Mit banger Stimme fragt er: „Mama, bist du es?“ Keine Antwort. Nur Rauschen ist zu hören. Er tritt an den nächsten Helm. „Mama?“ Keine Antwort. Mit dem Mute der Verzweiflung tritt er hinterrücks an die Frau mit den Lockenwicklern und reißt ihr die vermeintliche Elektrode aus dem Haar. Ein gellender Schrei aus Wut, Empörung und Enttäuschung ist die Folge. Nie wird er dieses Geheul vergessen.

Bedeutend schlimmer aber ist das zerstörte Urvertrauen zu der eigenen Mutter. Ein seelisches Trauma, das seine ganze Generation brandmarken sollte. Jedenfalls muss die Geschichte der Bundesrepublik radikal umgeschrieben werden. Alleinerziehende Mütter, Väter, Vielweiberei/-männerei, Kommunen,  One-Night-Stands, Singles, Geburtenrückgang: alles eine Folge der 50er und 60er, glauben sie mir. Ja selbst der Begriff Hair-Styling ist kein angelsächsisch gefärbter Unterjochungsversuch, nein, weit gefehlt. Denn ähnlich wie unsere Väter (und Mütter) das 3. Reich verdrängt haben, so haben wir, ihre Söhne, radikal verdrängt, was uns an den Verlust unserer Mütter im Friseurladen erinnert. Mich wundert nur, dass das Wort Mama geblieben ist. Wahrscheinlich in Ermangelung einer Alternative im romanischen und angelsächsischen Sprachraum. Ich mache hiermit den Vorschlag, das türkische Wort für Mutter, also „Ane“ einzuführen, bei gleichzeitiger Eliminierung des Mädchennamens Anne, um peinliche Komplikationen auszuschießen.

Soweit der kulturgeschichtliche Exkurs und zurück zu Hülyas Praktikumsbericht, der uns beweisen wird, dass sich an diesen Stätten der Verderbnis nichts geändert hat. Wir nähern uns diesmal jedoch nicht mit der empfindsamen Seele eines 10jährigen, sondern mit der – nicht minder empfindsamen – Seele einer 16jährigen.

 

Hülyas  Praktikumsbericht:

Datum 22.4.09

Ort der Tätigkeit: Friseurhandwerk

Bericht: Mein erster Praktikumstag im Salon.

 

Es ist Mittwoch, 22.4.09

Ich komme an. Meine Chefin bedient einen Kunden. Sie nimmt ihm gerade das Tuch von der Schulter. Sie tut es mit einer eleganten Körperdrehung. (Anmerkung d. Herausgebers: diese Stelle wirkt auf mich sehr erotisch, ich sehe immer einen weiblichen Torero/Torera vor mir, Stöckelschuhe, Taille in goldenem Korsett, blonder Pferdeschwanz, das Ahhh und Ohhh auf den Zuschauerrängen).

Ob ich das auch jemals so perfekt können werde? Das Tuch mit den Haaren fällt vor meine Füße. Die Chefin parfümiert jetzt  den Kunden. Sie tätschelt ihm die Wangen. Man sieht  die ganze Liebe zu ihrem Beruf. Ich nehme mir vor, alles Schritt für Schritt zu erlernen. Zuerst ist der Fußboden dran. Ich fege ihn mit aller Sorgfalt. Für viele mag dies eine einfache Arbeit sein, die wenig Sorgfalt bedarf. Für mich nicht. Überall können sich Haare verstecken. Dafür brauche ich 10 Minuten. Danach schickt mich meine Chefin zum Einkaufen zu Plus. Ich besorge Kaffepads, Toast und sogar Salami. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, schließlich mache ich ja fast alles. Aber bei Plus gibt es nur Schweinesalami. Weil ich es nicht gewohnt bin, Schweinesalami weder zu essen noch zu kaufen, gerate ich doch in seelische Not. Schließlich kaufen in dem Laden alle meine Bekannten und Verwandten ein. Das soll keine Beschwerde sein. Ich schaue vorsichtig in alle Richtungen. Die Luft ist rein. Ich greife mit zwei Fingern nach der prämierten ungarischen Salami. Dann lasse ich sie in den Einkaufskorb plumpsen. Auch an der Kasse geht alles gut. Ich will mich nicht beklagen, war halb so schlimm. Einer Kundin darf ich Kaffee machen. Mit der Kaffeemaschine ist es ganz einfach. Die Kundin sagt, der Kaffee ist gut. Den Rest des Tages verbringe ich mit Aufräumarbeiten und Fegen. Fegen ist wichtig, denn überall können sich Haare verbergen.

 

Datum 23.4.09

Ort der Tätigkeit: Friseurhandwerk

Bericht: Mein zweiter Praktikumstag im Salon.

 

Es ist Donnerstag, 23.4.09

Ich gehe zum Laden. Mein Gefühl ist nicht gut. Ich weiß nicht warum. Ich komme an. Meine Chefin bedient gerade eine Kundin. Die möchte eine Dauerwelle. Dauerwellen sind schwierig. Ich nehme mir vor, meiner Chefin genau zuzuschauen. Ich will viel lernen. Bei einer Dauerwelle ist es notwendig, dass man die Haarspitzen mit Hilfe eines besonderen Papierstückes glättet. Leider hat der Salon dieses Papier in diesem wichtigen Moment nicht mehr. Also schickt mich meine Chefin zu anderen Friseurläden in den umliegenden Straßen, um nach diesem Spezialpapier zu fragen. Ich hätte lieber bei der Dauerwelle zugesehen. Aber so kann ich ja auch dazu beitragen, dass sie gelingt.

Ich klappere einen nach dem anderen ab. Keiner will das Papier haben.

Ich kehre ohne diese wichtigen Papiere traurig zurück. Wenn die Dauerwelle nun nicht klappt? Nach dem vielen Hin und Her gibt mir die Mutter der Chefin einen guten Tipp. Ich soll es bei Schlecker um die Ecke versuchen. Und tatsächlich – ich hätte mir die Lauferei sparen können. Und von der Kunst, eine Dauerwelle herzustellen, hätte ich auch mehr sehen können. Ich darf der Kundin einen Kaffee machen. Die Kundin sagt, der Kaffee ist gut.

Den Rest des Tages verbringe ich mit Aufräumarbeiten und Fegen. Fegen ist wichtig. Überall können sich Haare verbergen.

An dieser Stelle unterbreche ich den Praktikumsbericht von Hülya. Eigentlich schade, ich weiß; denn viele spannende Erlebnisse unterschlage ich damit. Aber dem Leser dieser Zeilen kann ich versichern, alle Tage endeten mit dem Satz: Den Rest des Tages verbringe ich mit Aufräumarbeiten und Fegen, denn Fegen ist wichtig, überall……usw.

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