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 Gehört der Islam zu Deutschland?

Die Antwort hängt für mich sehr davon ab, inwieweit der Islam Patriachat und Gewalt als Teil der Religion sieht oder nicht. Ein Diskussionsbeitrag.

 

Der Islam gehört immer mehr zu Deutschland

„Gehört der Islam zu Deutschland?“ Der Satz ist vielfältig interpretierbar. Würde man fragen: Gehören Muslime zu Deutschland? – lautet die Antwort natürlich „Ja“. Sie leben seit Generationen hier und sind inzwischen Deutsche muslimischen Glaubens.

Sieht man es verfassungsrechtlich, gehört der Islam ebenfalls zu Deutschland. Wir haben in diesem Land Religionsfreiheit. Das bedeutet, dass muslimische, jüdische oder buddhistische Religionen genauso das Recht auf freie Religionsausübung haben, wie die evangelischen oder katholischen Kirchen. Somit gehören alle Religionen zu Deutschland. Eine banale Feststellung.

Historisch gesehen gehört der Islam sicher nicht zu Deutschland. Jedenfalls noch nicht. Die verschiedenen deutschen Reiche haben sich zwar mit dem Islam auseinandergesetzt, von Karl Martell über die Kreuzzüge bis hin zu den Kämpfen vor Wien; das waren aber meist kriegerische Abwehrschlachten oder Eroberungsfeldzüge. Deutschland ist über die Jahrhunderte überwiegend von der christlichen Kultur geprägt worden. In gleichem Maß wie dieser Einfluss in den letzten Jahrzehnten nachgelassen hat, hat der Islam in Deutschland durch die Einwanderung seit den 1960er Jahren an Bedeutung gewonnen. Es kann deshalb sein, dass der Islam in Deutschland zu einem immer relevanteren kulturellen Element wird. Das ist allerdings erst eine Entwicklung der jüngsten Geschichte.

 

Ein Vorbehalt

Wenn also klar ist, dass der Islam zu Deutschland gehört, warum löst der Satz dann solche Abwehrreaktionen bei vielen Deutschen aus? Wegen des extremen politischen Islamismus? Den muss man von der breiten islamischen Glaubensgemeinschaft unterscheiden. Wegen verbreiteter Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland? Die gibt es sicher.

Ich persönlich verabscheue Pauschalurteile und arbeite täglich mit jungen Muslimen zusammen. Trotzdem merke ich, dass es auch für mich einen kritischen Punkt gibt, weshalb ich der Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland!“ nicht uneingeschränkt zustimmen kann. Ich hoffe, es gelingt mir, ihn so differenziert darzustellen, dass man mir nicht islamophobe Stimmungsmache unterstellen kann, sondern den Appell darin erkennt, eine gemeinsame deutsche Identität ganz allgemein auf Freiheits- und Gleichheitsrechten aufzubauen.

 

Religion kann den Menschen besser machen

Eine Religion kann segensreiche Wirkungen haben. Ich kenne viele Moslems/Muslima, die gerade durch ihre Gottesfürchtigkeit wunderbare Menschen sind, weil sie ein ideales, gottgefälliges Leben führen wollen. Sie sind höflich, zuvorkommend, freundlich und verantwortungsbewusst. Die islamische Religion kann vielfältig interpretiert werden, auch so, dass sie Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft, Friedfertigkeit und Bildung in den Vordergrund rückt. Gerade die Jugendlichen im Wedding sind gemessen an deutschstämmigen Jugendlichen aus sozialen Unterschichten weniger alkoholanfällig, weniger frühsexualisiert und eher familienorientiert. Das hat mit der Stärke der islamischen Regeln in den Weddinger Kiezen zu tun. Die Religion soll Menschen in der Regel ja nicht schlechter machen, sondern dient dazu, sie besser zu machen.

 

Der Jung-Macho aus dem Wedding

Es gibt allerdings das Bild der unausstehlichen Macho-Jungs aus dem Wedding, die nichts auf die Reihe bekommen. Diese Charakterisierung ist eindeutig negativ und trifft auf einige testosterongesteuerte Jugendliche, die in das kriminelle Milieu abgleiten, sicher zu. Sie terrorisieren Lehrer, Geschäftsleute, Frauen, häufig sogar ihre eigenen Eltern. Es gibt hier überproportional viele Jungmänner, die so gut wie nie etwas für die Schule tun, und denen es nie in den Sinn käme, für eine ordentliche Arbeit früh aufzustehen und sich zu quälen. Niederlagen können diese Jungs kaum verwinden, weil sie zu selbstverliebten Narzissten erzogen wurden. Da viele von ihnen im Grunde feige sind, üben sie ihre Macht gerne in Gruppen aus. Junge Deutsche werden von diesen „Ghetto-Kids“ schon mal als langweilige Bücherleser angesehen, die sich abziehen lassen, ohne sich zu wehren. Weicheier eben.

Obwohl diese Jung-Machos, die breitbeinig auftreten und auf den Boden spucken, um Ihr Revier abzustecken, im Weddinger Kiez unzweifelhaft anzutreffen sind, sind sie gemessen an den meisten Jungen, die man im Alltag erlebt, eine Minderheit. Oft ist dieses Bild eher ein Klischee, fast eine Karikatur. Die meisten Jungs hier sind nämlich höflich; viele lernen, strengen sich im Geschäft ihres Vaters an und sind offen und freundlich, wenn man sie ernst nimmt und respektiert. Diese jungen Männer sind keine Schreckbilder der Gesellschaft, sondern auch türkisch- oder arabischstämmigen Jungs sind in der Regel Teenager mit Herz und Verstand.

 

Eine patriarchalische Familienkultur ist verbreitet

Allerdings, und da setzt meine Kritik ein, werden sie oft in einem Umfeld erzogen, das Ihnen Männlichkeitsbilder und „Werte“ vermittelt, die – man kann es nicht anders sagen – auf einer patriarchalischen Gewaltkultur basieren. Da sie von ihrem Vater gelernt haben, dass ein richtiger Mann nur der ist, der sich mit Gewalt durchsetzen kann, ist es für viele normal, andere Menschen einzuschüchtern. Manche tun das mit Drohgebärden und verbaler Gewalt: „Ich fick dich, Alter.“

Die Stärke der Männer hängt davon ab, inwieweit sie die Ehre ihrer Töchter und Schwestern schützen können. Deren „Ehre“ drückt sich darin aus, ihre „sündige“ Weiblichkeit zu verhüllen und sich den Geboten der Familie, sprich der Männer, zu fügen. Auf ein Fahrrad zu steigen kann schon „haram“ (sündig) sein, dem Sportlehrer die nackten Beine zu zeigen oder auf einer Bühne zu tanzen, ebenfalls. Da sie schon von klein auf mit Scham über ihren eigenen Körper erzogen werden, empfänden es viele Mädchen als furchtbar, nackte Haut in der Öffentlichkeit zu zeigen. Den Heiratsvorgaben der Familie nicht zu gehorchen, würde als undankbar und ungehörig angesehen. Fügt ein Mädchen sich nicht, kann es neben eindringlichen Worten oder einem zweiten Versuch Schläge des Vaters oder Bruders geben.

 

Der Mann bringt den Tod

Es kann aber schlimmer kommen. Die Zahl der Gewaltvorfälle durch türkisch- oder arabischstämmige Männer in Berlin ist erschütternd: Eine Frau wird geköpft, weil sie den Mann verlassen will, der selbst drei Kinder mit einer anderen hat. Ein junger Mann erschießt seine Schwiegermutter, weil sie ihm nicht ihre Tochter zur Ehe überlassen will. Ein Bruder bringt seine Schwester um, weil die zu „westlich“ lebt. Eine Gruppe junger Türken und Araber erschlägt einen jungen Deutsch-Vietnamesen, weil der sich ihnen in den Weg stellt. Ein deutsches, hochschwangeres Mädchen wird erstochen und bei lebendigem Leib verbrannt, weil der junge, türkischstämmige Vater das Kind nicht will. Und weiter: In Berlin gibt es rund fünfzig Dschihadisten, die sich dem islamischen Staat angeschlossen haben, wo sie Menschen köpfen und bestialisch töten.

Ist das der Islam? Beileibe nicht, nein. Das kann gar nichts mit einer Religion zu tun haben. Aber es hat mit patriarchalisch-archaischen Männlichkeitsbildern zu tun, die mit manchen Familien aus dem nahöstlichen Kulturkreis importiert wurden. Während deren Jungs oft ein riesiges Ego haben, in Deutschland aber nur Niederlagen einstecken, sind sie im Islamischen Staat mächtig, Herrscher über Leben und Tod. Die Frau bringt das Leben, der Mann bringt den Tod. Ein klassisches patriarchalisches Geschlechterbild.

Diese jungen Männer sind in ihren Familien häufig in eine patriarchalische Gewaltkultur hineingewachsen, die die klassischen Bilder der Frau als Heilige oder Hure predigt. Eine Frau lebt züchtig, und bekommt viele Kinder von dem potenten Mann, dem sie Gehorsam zu leisten hat. Sie verehrt ihren Mann, macht ihm zum Beispiel ihr offenes Haar zum Geschenk, er wiederum schützt ihre Ehre. Betrügt sie ihn aber und ist ungehorsam, dann muss sie bestraft werden. Und die Wut ist bei Männern, die zu kleinen Paschas erzogen wurden, dann ihren Willen nicht bekommen oder gekränkt werden, besonders groß. Die Strafe kann der Tod sein.

Selbst wenn es sich um völlig normale Jungen handelt, die eigentlich nette Kerle sind, wird in Familien häufig so viel Druck auf sie ausgeübt, die „Ehre“ zu verteidigen und dafür ein Mädchen je nach Fall zu heiraten, aufzugeben oder vielleicht sogar zu töten, dass sie nicht alleine für ihre Taten verantwortlich gemacht werden können, sondern als Handwerkszeug eines rigiden Patriarchats relativ unfrei agieren.

 

Das Patriarchat gehört zu keiner Nation oder Religion

Der junge Mann, der die deutschstämmige Maria P. und ihr ungeborenes Kind auf grausamste Weise umbrachte, hatte sich zuvor nichts zuschulden kommen lassen und galt eigentlich als „süßer“ Bursche. Er wird zwar in den Medien als Bestie dargestellt, aber ungeachtet des furchtbaren Martyriums der jungen 19-Jährigen, für das es keine Entschuldigung gibt, war er anscheinend nur zu einer solchen Tat imstande, weil von Seiten der Familie enormer Druck auf ihn ausgeübt wurde, um die „Familienehre“ zu schützen. Das Kind der Deutschen wurde nicht akzeptiert, auch wenn die junge Frau zum Islam übergetreten war. Der türkische Stiefvater des Mädchens war übrigens genauso fassungslos über die Tat wie die muslimische Gemeinde.
Auch der Fall Tugce A. zeigt, dass es im Kern nicht um ethnische und religiöse Zugehörigkeiten geht, sondern alleine um potenzfixierte Männlichkeit. Der Serbe, der die junge türkischstämmige und muslimische Lehramtsstudentin erschlug, war ein ausgeprägter Macho und hatte vorher zwei deutschstämmige Mädchen sexuell belästigt, für die Tugce eingetreten war.

 

 

MordinKöpenick

Eren T. aus Neukölln erstach und verbrannte seine hochschwangere

Freundin Maria P. in einem Wald in Köpenick am 22. Januar 2015

Foto: Privat, facebook/super.supermaria.com

 

Der Zusammenhang und die Opfer

Der Zusammenhang einer patriarchalisch-archaischen Kultur, mit so vielen Problemen, die besonders in Einwanderervierteln zu beobachten sind wie Bildungsignoranz, Homophobie, politischer Extremismus, Kriminalität, Pöbeleien und Belästigungen, Frauendiskriminierung oder extreme Gewaltvorfälle, wird von den Zeitungen meist verschwiegen. Sie nennen in der Regel nicht einmal den kulturellen Hintergrund der Täter.

Das ist in meinen Augen falsch. Der Zusammenhang dieser negativen Phänomene mit einer patriarchalischen Gewaltkultur ist offensichtlich. Es gibt die Angst, dass solche Fälle instrumentalisiert werden, um Islamophobie und Vorbehalte gegen Ausländer zu schüren. Aber es geht hier nicht um Zuwanderer. Vielen türkisch- oder arabischstämmigen Deutschen würde es im Traum nicht einfallen, ihren Frauen irgendetwas anzutun, während Frauenverachtung und Gewalt auch bei deutschstämmigen Männern zu finden ist. Es geht auch nicht um den Islam, der im besten Fall solche Gewaltvorfälle schärfstens verurteilt.

Es geht um das Phänomen an sich: Um patriarchalische Machtverhältnisse und eine daraus resultierende Ehr- und Gewaltkultur, die immer und überall bekämpft werden muss, eben auch dort, wo sie in manchen Zuwanderergruppen besonders gehäuft auftritt.

Und es geht um die Opfer: Um die Kinder, die zusehen, wie ihre Schwester geschlagen wird. Um die Mädchen, die in ihrem Zimmer stundenlang heulen, weil sie den Falschen heiraten müssen. Um die Jungs, die Dinge tun müssen, die sie ihr Leben lang verfolgen. Und um Mädchen wie Maria P. und ihr Kind, dass nicht das Licht der Welt erblicken durfte.

Wir leben in einem Land, das sich spätestens seit 1968 viel darauf einbildet, die Gleichberechtigung und freie Entfaltung der Frau vorangetrieben und Gewalt in der Familie relativ erfolgreich geächtet zu haben. Würde man fragen: Gehört eine archaisch-patriarchalische Gewaltkultur zu Deutschland? Dann wäre die Antwort klar: NEIN!!!

 

Früheres und konsequenteres Einschreiten

Warum akzeptieren wir viel zu häufig die Erziehungsmethoden und das Gebaren, dass hinter dem Männlichkeitswahn steckt. Wäre es nicht eine Pflicht, gerade wegen der Menschenrechte und der demokratischen Werte, die unser Land prägen, sich schon in Kindergarten und Schule viel vehementer gegen jegliche Einschränkung der Frau und gegen eine gewalttätige Ehrenkultur zu wenden und Frauen und Familienangehörige besser zu schützen?

Stattdessen haben selbst Behörden häufig Angst vor dem Rassismus- und Islamophobie-Vorwurf, wollen keine Konflikte eingehen und lassen sich mitunter von gewaltbereiten Männern einschüchtern.

 

Ein aufgeklärter, emanzipatorischer Islam gehört zu Deutschland

Diese frauenverachtende Gewaltkultur ist nicht zwangsläufig der Islam. Sie wird viel zu oft vom Islam legitimiert und propagiert, das ist richtig. Aber sie hat ihre Wurzeln nicht in der Religion, sondern in einem althergebrachten männlichen Herrschaftsanspruch, der sich nicht einschränken lassen will. Den müssen wir aber einschränken, wenn wir eine friedliche, solidarische, gleichberechtigte Gesellschaft wollen. In der Folge müssten immer mehr Muslime sagen: Männer, die Frauen unter die Burkha zwingen, haben nichts mit dem Islam zu tun. Frauen können auch im Bikini gute Muslima sein und sind in jedem Fall zu respektieren. Dann würde der Islam nicht mehr das Patriarchat legitimieren, sondern gegen archaische Männlichkeitsbilder ankämpfen. Wenn es soweit kommt, dann sage auch ich laut und uneingeschränkt: Der Islam gehört zu Deutschland!

 

Herbert Weber,

Projektleiter der Sprach- und Bildungsförderung SPRINT in Berlin-Wedding

 

 

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