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Spendenaufruf

Die Schülerinnen und Schüler aus dem Soldiner Kiez brauchen Unterstützung für Sprachförderung und Fachnachhilfe!

Spendenkonto:

RAA-Berlin
Spendenzweck: Förderunterricht Sprint
Dresdner Bank Berlin
Konto: 0672143600
BLZ: 120 800 00
    
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Diskussion um Integration: Die Sprachförderung funktioniert nicht

Medienhof Wedding 3742Sprint arbeitet inmitten eines so genannten “sozialen Brennpunktkiezes”. Thilo Sarrazins Kritik an Migranten sollte hier also vor Ort überprüfbar sein. Wie sieht es aus mit den “lern- und integrationsunwilligen” Jugendlichen, die nicht richtig Deutsch lernen? Darauf können einfache Antworten gegeben werden.

 

Täglich besuchen rund 50 Jugendliche den Medienhof, um zu lernen. Eltern melden ihre Kinder hier an und ersuchen auch andere Vereine und Institutionen im Kiez um Nachhilfe. Der Bedarf nach schulischer Förderung ist im Soldiner Kiez enorm. Die meisten Eltern mit Migrationshintergrund wissen, wie wichtig Bildung für ihre Kinder ist. Sie sind in diesem Sinne durchaus nicht bildungsfern. Nur helfen können sie ihren Sprösslingen bei den schulischen Aufgaben kaum.

 

Nie erlebt habe ich, dass Eltern sich dem Deutschlernen verweigern. Die Sprache Deutsch ist auch für sie eine Grundvoraussetzung für den Bildungserfolg ihrer Kinder. Eltern mit Migrationshintergrund verzweifeln eher daran, dass ihre Kinder es auf deutschen Schulen nicht schaffen, gut Deutsch zu lernen. Das hat natürlich mit einem hohen Migrantenanteil in den Klassen, mit heimatsprachlichem Medienkonsum und einer nicht-deutschen Familiensprache zu tun. Allerdings kann man türkischen oder arabischen Eltern nicht vorhalten, dass sie zuhause türkisch oder arabisch reden. Deutsche Eltern in den USA würden zuhause auch deutsch sprechen.

 

Offensichtlich gelingt es der Schule nicht, Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutsch zu fördern. Da Deutsch der Schlüssel zu allen Lerninhalten ist, die aber nicht bei den Schülern ankommen, sind die Bildungsergebnisse in Berlin-Mitte so schlecht wie in keinem anderen Bezirk. Andauerndes Nicht-Verstehen und schulische Misserfolge demotivieren viele Schüler. Sie klinken sich aus dem Unterricht aus. Überforderung, Störungen in der Klasse, geringes Selbstvertrauen und ein riesiger Nachhilfebedarf sind die Folgen.

 

Warum funktioniert eine Sprachförderung nicht, die die sprachlichen Verstehens-Voraussetzungen bei der Wissensvermittlung berücksichtigt? Hier sind die Antworten komplizierter.

 

Medienhof Wedding 3797Berlin leistet sich ca. 1250 Lehrerstellen für die Sprachförderung. Das ist ein enormes Potential. Eigentlich müsste die Sprachförderung Wirkung zeigen. Es sind über 30000 Schulstunden in der Woche, die zur Verfügung gestellt werden, um Schülern mit schlechten Sprachvoraussetzungen in Deutsch zu helfen.

 

Aber wieso verstehen trotz dieser Fördermittel viele Schülerinnen und Schüler in den Innenstadtbezirken kaum einen Fachtext?  Warum wissen im 5. Schuljahr drei Schüler, mit denen ich Hausaufgaben mache, nicht, wie man das Ding nennt, das Pferde an den Füßen haben (Huf)? Warum fragen mich Abiturienten im 11. Schuljahr was „protestieren“ bedeutet? Warum wird „Landwirtschaft“ als Wirtschaft in verschiedenen Ländern verstanden? Wieso denkt ein Schüler, ein Wahl-„Verfahren“ hätte etwas mit einem falschen Weg zu tun? Das Nicht-Verstehen ist bodenlos und unübersehbar.

 

Wo die Begriffe fehlen und keine Anknüpfungspunkte an ein Erklärungsgerüst vorhanden sind, wird geraten, abgeschrieben, auswendig gelernt. Diese „Kompetenzen“, mit denen das Nicht-Verstehen versteckt und Schulwissen vorgetäuscht wird, werden im Wedding unabsichtlich aber am erfolgreichsten vermittelt.

 

Infolgedessen werden weit mehr Schülerinnen und Schüler an den (wenigen) Weddinger Gymnasien ausselektiert als das Abitur schaffen. Entsprechend verheerend sind die Vergleichstest-Ergebnisse in den Grundschulen und die MSA-Prüfungsergebnisse für Stadtviertel wie Berlin-Gesundbrunnen.

 

Man muss diese Diskrepanz der Mittelvolumina, die in Sprachförderung fließen und der Null-Wirkung, die damit im Bereich schulische Sprachförderung erzielt wird, als Versagen der Sprachförderung in Berlin auf ganzer Linie betrachten.

 

Denn es gibt nicht 1250 Lehrkräfte für die Sprachförderung in Berlin, sondern keinen einzigen. Bis vor vier Jahren gab es in der Lehrerausbildung nicht einmal ein Seminar, das Deutsch-als-Zweitsprache (DaZ) im Fachunterricht zum Thema gemacht hätte. Immerhin haben die Berliner Unis reagiert und nun zwei DaZ-Module in die Lehrerausbildung integriert. Für einige wenige Lehrer im Dienst gibt es außerdem Fortbildungsseminare. DaZ als Fach vertritt damit aber immer noch niemand. Es gibt keine klaren Verantwortlichkeiten dafür bei den Fachlehrern in den Kollegien, es gibt keine breite Qualifikation auf diesem Gebiet. In Wirklichkeit handelt es sich bei den DaZ-Lehrerstellen ausschließlich um ein Stunden-Berechnungsmodell, das Schulen je nach Anteil von Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache zugeteilt wird. Die Schulen können mehr oder weniger frei über diese Stunden verfügen. So decken sie verständlicherweise Engpässe damit ab, für die es ansonsten keine Finanzierungsmittel gäbe. Vertretungsstunden für kranke Lehrer werden aus diesem Kontingent bezahlt oder eine Klasse wird geteilt und der Zweitlehrer wird durch die DaZ-Stunden finanziert. Qualifizierter DaZ-Förderunterricht findet damit in den kleineren Lerngruppen aber noch nicht statt.

 

Einige Schulen, vor allem Grundschulen, versuchen eigene Wege zu finden und widmen sich auf die ein oder andere Weise dem Thema DaZ. Bei den Dutzenden Schulen, die ich in den letzten sieben Jahren im Wedding kennenlernen konnte, bleibt das jedoch meist eine Randerscheinung und ist von einzelnen Lehrern abhängig. Zudem fehlen nach 50 Jahren Zuwanderung immer noch Materialien für DaZ im Fachunterricht. Ein durchgängiges, einheitliches Konzept, mit dem ein Fachwortschatz und sprachliche Strukturen von der Kita bis zum Abitur in allen Fächern aufgebaut werden ist nicht vorhanden. Folgerichtig werden abgestimmte DaZ-Materialien dazu nicht enwickelt. Eine Evaluation der DaZ-Ergebnisse, die feststellt, ob der veritable Input auch zu einem ansehnlichen Output, also zu einer Verbesserung der fachsprachlichen Fertigkeiten bei den Schülern führt, fehlt.

 

Medienhof Wedding 3755Obwohl die mangelhafte und ineffiziente Sprachförderung ein bildungspolitischer Skandal ist, wird relativ wenig darüber debattiert. Die Senatsverwaltung verweist gerne auf die Mittel, die sie in diesen Bereich fließen lässt, auf Modellversuche und Projekte, an denen sie sich beteiligt. Fachlehrer fühlen sich in der Regel überfordert, neben ihrem Fach „auch noch Sprache“ zu unterrichten. Sehr beliebt ist es, die Verantwortung für die sprachlichen Defizite den Familien und Schülern selbst zuzuschieben, die „ja schließlich in Deutschland geboren sind“. Wenig förderlich für einen effektiveren DaZ-Unterricht ist die jahrzehntealte Diskussion um zweisprachigen Unterricht, nach dem in bestimmten Fachkreisen und in verschiedenen Migrantenorganisationen leidenschaftlicher verlangt wird, als nach einer wirksameren Vermittlung der deutschen Fachsprache.

 

Trifft es zu, dass in einer Gesellschaft, die durch Vergreisung und Zuwanderung gekennzeichnet ist,  Integration durch Bildung eine Schicksalsfrage darstellt, dürfte man das Versagen der Sprachförderung Deutsch an Berliner Schulen nicht weiter so tatenlos hinnehmen wie bisher.

 

Herbert Weber, 23. Mai 2012

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