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Spendenaufruf

Die Schülerinnen und Schüler aus dem Soldiner Kiez brauchen Unterstützung für Sprachförderung und Fachnachhilfe!

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Integration und Schule: Seiteneinsteiger werden alleine gelassen

Radvan kam vor zwei Jahren aus Tschetschenien nach Deutschland. Er ist heute 12 Jahre alt, kann aber noch nicht seinem Alter gemäß schreiben, lesen und rechnen. Nur mühsam hat er in den letzten beiden Jahren ein wenig Deutsch gelernt.

 

In seinem Heimatland war er Kriegstraumatisierungen ausgesetzt und ging zeitweise nicht zur Schule. Deshalb gibt es nicht nur eine Entwicklungsverzögerung im Lernen, sondern große Verhaltensauffälligkeiten. Radvan kann sich kaum auf den Schulstoff konzentrieren, schon bei kleinen Konflikten wie denen um einen Ball wird er leicht gewalttätig. Die anderen Schüler meiden ihn deshalb eher, was ihn sich noch mehr verschließen lässt.

 

Radvan wurde vor zwei Jahren unmittelbar nach seiner Ankunft in eine deutsche Regelklasse gesetzt. Kurz vorher waren die Kleinklassen abgeschafft worden. Sie sollten Seiteneinsteiger, die im höheren Alter nach Deutschland kommen, ein Jahr auf das deutsche Schulsystem vorbereiten und ihnen Grundlagen in Deutsch vermitteln. Vor allem aus Spargründen aber offensichtlich auch aus einer Inklusions-Philosophie heraus verzichtete man ab 2009 auf diese Kleinklassen. Seiteneinsteiger wie Radvan wurden dadurch sich selbst überlassen. Doch nicht nur für die Neuankömmlinge war diese Praxis schlimm. Auch die Regelklasse wurde durch ein Kind mit Verhaltensauffälligkeiten, das dem Unterricht nicht folgen konnte und gerade deshalb eher störte, sehr belastet. Die Klassenlehrerin hatte im sozialen Brennpunkt sowieso schon vielerlei Probleme zu lösen hat und keine Ausbildung für den Umgang mit Lernbehinderungen und DaZ-Vermittlung. Die Integration Radvans in die Klasse stellte für sie mehr als eine Herausforderung dar. Sie war geradezu unmöglich.

 

Während 2005 noch zwei bis dreijährige Förderklassen an einigen Grund- und Hauptschulen existierten, um die Seiteneinsteiger des jeweiligen Bezirkes behutsam aufzunehmen und langsam mit der deutschen Sprache und dem Schulstoff vertraut zu machen, wurde diese Praxis 2006 geändert. Die Förderklassen wurden in Kleinklassen umbenannt, um den Defizitcharakter der Sprachförderung nicht hervorzuheben. Diese äußere Kosmetik korrespondierte allerdings mit einer inhaltlichen Kürzung. Die Kleinklassen sollten sich höchstens ein Jahr lang nur auf die Deutschvermittlung konzentrieren und die Kinder so schnell wie möglich in Regelklassen entlassen. Dann kam der radikale Schnitt und die Kleinklassen wurden ebenfalls abgeschafft. Gerechtfertigt wurde dies mit dem Postulat der individuellen Förderung in den Regelklassen, die es jedem Kind ermöglichen sollte, nach der eigenen Geschwindigkeit zu lernen. Außerdem stand dahinter der Inklusionsgedanke, der gegen eine Abtrennung (sprich Ausgrenzung) der Seiteneinsteiger war. Drittens konnten die Schulen bei Bedarf selbst temporäre Lerngruppen einrichten, was der Philosophie der wachsenden Schulautonomie entsprach. Allerdings sollten die Schulen für diese Lerngruppen dann eigene Ressourcen verwenden.

 

De facto wurde ein funktionierendes System der Integration von Seiteneinsteigern unter wohlklingenden Vorwänden Schritt für Schritt zerschlagen. Die Verantwortung für diese Kinder wurde den Schulen übertragen, ohne ihnen eine entsprechende Ausstattung für diese Aufgabe zukommen zu lassen. Über die Hintergründe dieser Entscheidungen der Senatsverwaltung für Bildung kann man nur spekulieren. Spargründe drängen sich auf, zumal die betroffene Gruppe der neuangekommenen Migranten wohl die geringste Lobby hatte, sich gegen diese Kürzungen zu wehren. Auszubaden hatten diesen kleinen, lokalen Bildungsskandal die Kinder.

 

Seit gut einem Jahr steigen die Zahlen der Seiteneinsteiger erheblich. Nach der 2. Osterweiterung kommen viele Immigranten aus Bulgarien und Rumänien in den Wedding. Viele davon sind Roma- und Sinti-Familien. Deren Kinder sind mitunter noch mit zehn Jahren Analphabeten und haben noch nie eine Schule besucht. Sie einfach den Regelklassen zuzuweisen, führte in den Grund- und Oberschulen im Wedding vielerorts zu einer Überforderung aller Beteiligter: der Lehrer, der Mitschüler und der Neuankömmlinge selbst.

 

Da sich die Probleme massiv häuften ist die Senatsschulverwaltung inzwischen zu einer neuen Praxis übergegangen. An verschiedenen Schulen werder so genannte temporäre Lerngruppen eingesetzt, die Schüler durch DaZ-Unterricht in längstens 32 Wochen auf den Besuch einer Regelschule vorbereiten sollen. Für diese temporären Lerngruppen werden den Schulen zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt. Im Einzugsbereich des SPRINT-Projektes gibt es diese Kurse mit kleiner Teilnehmerzahl an der Gesundbrunnen-Grundschule, der Rudolf-Wissell-Grundschule, der Heinrich-Seidel-Grundschule und der Herbert-Hoover-Sekundarschule. Die Gymnasien sind von dieser Aufgabe, wie schon bei der Inklusion von Lernbehinderten, freigestellt. Derzeit suchen die anderen Schulen im Kiez dringend Honorarkräfte, die qualifiziert und willig sind, diese temporären Lerngruppen anzuleiten. Durch die verstärkte Zuwanderung griechischer und spanischer Familien in den Kiez sollen die DaZ-Lerngruppen inzwischen außerdem heterogener geworden sein.

 

Radvan bekam zuerst durch eine Studentin des SPRINT-Projektes die Möglichkeit, in einer individuellen Betreuung Deutsch zu lernen und den Schulstoff intensiv nachzuarbeiten. Dazu wurde er für einige Stunden in der Woche aus der Klasse genommen. Inzwischen wurde an der Schule eine temporäre Lerngruppe mit drei Schülern eingerichtet aus Russland, Bosnien und Nigeria. Sie wird weiterhin von der Studentin betreut, die nun allerdings als Honorarkraft für die Schule arbeitet. Insofern hat sich die Lage für Radvan und die Lage für alle Seiteneinsteiger in Berlin überhaupt etwas entspannt. Allerdings reichen die vorgesehenen 32 Wochen in temporären Lerngruppen bei weitem nicht aus, Kindern mit sehr großen Bildungslücken und Sprachdefiziten in Deutsch eine fließende Integration ins Deutsche Schulsystem zu ermöglichen. Die Seiteneinsteigerproblematik bleibt bestehen, vor allem wenn die verlorenen Chancen der spät eingewanderten Kinder weiterhin von kaum jemandem wahrgenommen werden.

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